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Helmut Valentin: AEG und VW prägten sein Leben

Als er geboren wurde, regierte noch der Kaiser.

Bad Krozingen, im Sommer 2018. – Insgeheim möchte jeder hundert werden. Helmut Valentin ist es – seit vorigem Herbst. Zur Feier im KWA Parkstift St. Ulrich hat er all seine Mitbewohner eingeladen und sich etwas Besonderes überlegt: Er hat einen von ihm selbst produzierten Film über seinen Geburtsort Berlin vorgeführt. Ins Wohnstift eingezogen ist er mit neunzig – und im ersten Jahr noch den Business-Run mitgelaufen, die 5-km-Strecke. Heute braucht er zwar einen Rollator, nutzt ihn jedoch gerne. „Eine tolle Erfindung“, sagt er und schiebt das Gefährt auf seinen Balkon. Jeden Morgen um halb sieben geht er im Stiftsbad schwimmen. Im Wasser kann er sich noch so bewegen wie früher an Land. Wenigstens eine halbe Stunde Spaziergang an der frischen Luft gehört ebenso zu seinem Tagesprogramm, das er selbst plant und gestaltet. Und sonst? Da er nur noch verschwommen sieht, schätzt er Radiosendungen, hört vor allem den Deutschlandfunk. Seine Partnerin wohnt im Ort, besucht ihn täglich, meist zur Kaffeezeit. 

Ein großer Schwenk zurück. Im Jahr 1917 kommt Helmut Valentin in Berlin-Neukölln zur Welt. Kaiser Wilhelm II. regiert noch, der Vater ist bei der Feuerwehr. Berufsbedingt zieht die Familie an den Alexanderplatz. Dort wächst der Junge gemeinsam mit einer Schwester auf. Mit 10 besteht er die Aufnahmeprüfung des Berliner Staats- und Domchors. Die Schulzeit wird gewürzt mit Konzertreisen. Auf die Schule folgt eine vierjährige, „unvorstellbar umfassende“ Maschinenschlosserlehre bei der AEG. Er erlernt dabei unter anderem die Arbeit mit Schaltgeräten und Kraftfahrzeugmechanik. Damit ist der Grundstein für sein Berufsleben gelegt. Mit 19 muss er zum Arbeitsdienst, mit 20 zur Wehrmacht.

Die Kriegsjahre im Zeitraffer. Helmut Valentin muss ins Feld. Polenfeldzug, Frankreichfeldzug, Russlandfeldzug, ihm bleibt nichts erspart. „Von einer Begeisterung hab‘ ich da nichts gesehen. Viele hätten gerne etwas anderes gemacht“, sagt er. „Wer heute glaubt, wir hätten Widerstand leisten können, liegt falsch. Aussteigen war mit dem Tod verbunden.“ Beim Russlandfeldzug gibt es für die deutschen Soldaten keine Handschuhe. Bei minus 40 Grad tragen sie die Socken an den Händen und stecken Lappen in die Schuhe, um zu überleben. Helmut Valentin übersteht alles unverletzt, ohne Gefangenschaft. Nach einer OP an seinen Stimmbändern im Frühjahr ´44 soll er in Kroatien eingesetzt werden. Ein Verpflichtungsbescheid des Reichsforschungsrats vom 24.5.44 weiß es besser: Entlassung aus der Wehrmacht und Einsatz bei der AEG in Berlin-Treptow. So muss er zwar sämtliche Bombenangriffe auf Berlin miterleben, ist jedoch nicht mehr aktiv ins Kriegsgeschehen eingebunden. „Ich hatte in meinem Leben unwahrscheinliches Glück in vielen Dingen“, sagt er.

Für den Hundertjährigen erschütternd: der VW-Abgas-Skandal

Ein Zoom auf das Berufsleben. Eigentlich hätte er gerne in Ilmenau Betriebstechnik studiert, doch das ist russisch besetzt. So fährt er im Frühjahr 1945 mit ´dem Fahrrad von Berlin aus entlang der Elbe gen Süden, wenige Tage nach Kriegsende zu seiner Freundin Anita nach Bregenz. Da er dem französischen Besatzer nachweisen kann, dass er schon ein Jahr lang nicht mehr im Dienst der Wehrmacht steht, lässt man die beiden ziehen; andere, die bis zum Kriegsende dienten, werden zur Arbeit in französische Bergwerke geschickt. Die nächste Station im Leben von Helmut Valentin: Kempten im Allgäu. Die Stadt ist amerikanisch besetzt und laut Helmut Valentin ein Sammelpunkt für ehemalige Wehrmachtsangehörige. Das junge Paar lässt sich dort nieder. Obwohl es keinen Arbeitsplatz und kein regelmäßiges Einkommen gibt, gründen sie eine Familie. Die erste Zeit bestreitet Helmut Valentin mit der Reparatur von Fahrrädern und Nähmaschinen. Nebenbei versucht er zusammen mit einem Bekannten Maschinen zu bauen – und Fotokameras. Damit er seine kleine Werkstatt und die Ausbildung von Lehrlingen weiterführen darf, legt er 1949 in Augsburg die Mechanikermeisterprüfung ab. 1950 geht er als Angestellter in eine VW-Vertragswerkstatt, baut diese zusammen mit dem Inhaber zu einem Großhandelsunternehmen auf. Er ist der Ansprechpartner für VW, wirkt mit an der Entwicklung einer elektronischen Ersatzteilverwaltung, zunächst mit Lochkarten, dann auf EDV-Plattenanlagen. 1953 wird er Abteilungsleiter und 1961 Prokurist. Es ist die große VW-Käfer-Zeit. Neue Modelle folgen, VW wird ein Konzern, strukturiert um. 1975 wird Helmut Valentin dem VW/Audi-Vertriebszentrum in Ingolstadt zugeordnet. Während seines ganzen Berufslebens ist er oft in Wolfsburg gewesen, 25 Jahre lang. Der VW-Abgas-Betrug erschüttert ihn. Viele Mitarbeiter – ehemalige und derzeitige – seien fassungslos.

Helmut Valentins größtes Hobby im Fokus: das Filmen. Ein Onkel begeistert ihn mit seiner Plattenkamera schon als Kind dafür. Das Know-how von der Aufnahme bis zum Schnitt bringt er sich selbst bei, liest viel darüber; alle technischen Neuerungen macht er über Jahrzehnte hinweg mit. Er leistet sich hochwertiges Equipment, schneidet Filme mit dem Computer. Am liebsten filmt er die Natur und Wildtiere. In Kempten hat er sich auf einem riesigen Grundstück mit wunderschöner Aussicht ein Traumhaus gebaut. Doch nachdem die beiden Töchter aus dem Haus sind und die Ehefrau verstorben ist, hält ihn im Ruhestand dort nichts mehr. 

Mit 70 nach Teneriffa, mit 81 zurück nach Deutschland

Schwenk in die Zeit des Ruhestands: Mit einer neuen Partnerin lebt Helmut Valentin elf, zwölf Jahre in Tettnang. Doch bei Urlaubsaufenthalten verlieben sie sich in Teneriffa, zumal das Klima Helmut Valentins Rückenleiden lindert. Als er 70 ist, zieht das Paar ganz auf die Kanarische Insel, kauft sich dort ein Haus mit Blick auf den Pico del Teide und das Meer. „Das war die schönste Zeit meines Lebens“, sagt er. Die Natur zu beobachten und sie filmen zu können, empfindet er als großes Glück. Doch die Partnerin verträgt das Klima zunehmend schlecht. So entscheiden die beiden schweren Herzens, nach elf Jahren Teneriffa nach Deutschland zurückzugehen. Mit Blick auf eine bestmögliche gesundheitliche Versorgung und die gute Lage wird Bad Krozingen das Domizil für den vierten Lebensabschnitt. 

Helmut Valentins Resümee zu seinem Leben: „Vieles war Schicksal, konnte ich nicht beeinflussen. – Die Familie war mir immer lieb und wichtig. Doch die Zeiten, wo man abends gemeinsam unter dem Lindenbaum sitzt, sind längst vorbei. Zunächst Autos und Magnetkarten, dann Laufbänder, später Schallplatten und andere technische Errungenschaften haben unser Leben grundlegend verändert. Dass ich daran mitarbeiten konnte, neue Technik in der Praxis auf Machbarkeit zu prüfen und umzusetzen, war rückblickend das Schönste in meinem Berufsleben.“ 

Zum Schluss noch die Frage, wie man hundert wird. Die Antwort: „Ich denke, dass in erster Linie die Gene dafür verantwortlich sind. Aber auch: regelmäßig laufen, wandern oder schwimmen; hellwach und interessiert sein an seiner Umgebung; maßvoll essen und nicht zu viel Alkohol konsumieren. – Ich habe des Öfteren einen Cognac in einen Blumentopf gekippt.“

Sieglinde Hankele

 

 


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