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"Dialog" mit dem früheren Hauptstadtreporter Gerd Depenbrock

Fast 30 Jahre lang hat der Journalist Gerd Depenbrock für den WDR Regierungen aus nächster Nähe beobachtet. 2004 übernahm er den Vorsitz des Deutschen Presseclubs in Berlin. Jetzt war er beim "Dialog" im KWA Stift im Hohenzollernpark Gesprächspartner von Moderator Reinhard von Struve.

Berlin, im Juni 2018. – "Der Umzug von Regierung, Parlament und Medien von Bonn nach Berlin war eine Zeitenwende", erinnert sich Depenbrock an das Ende der 90er Jahre, "eine neue politische Welt." Da sei vieles zusammengekommen: der Aufbruch vom kleinen Bonn in die hektische Metropole Berlin, eine fast dreimal so große Zahl von Journalisten,Computer statt Tonbänder im neu gebauten Hauptstadtstudio und dazu jede Menge Provisorien auf Regierungsseite. 

Rückblick auf die Arbeit in Bonn

"Die Arbeit in Bonn war wesentlich beschaulicher als in Berlin", erklärt Depenbrock. Nicht nur, dass Bundestag, Journalistenbüros und viele Ministerien einander praktisch gegenüber lagen. Auch nach getaner Arbeit begegneten sich Berichterstatter und Regierungsvertreter in der Bonner Altstadt: "Abends lief man sich unweigerlich in Kneipen und Restaurants über den Weg.“ Man kannte sich besser, was den Journalisten die Recherche erleichterte. 

Der Fall Möllemann

Eine Kritik an den heutigen Medien betrifft ihr Tempo: Oft würden noch gar nicht richtig verstandene Ereignisse gemeldet statt erst einmal ihre Bedeutung zu klären und zu hinterfragen. Das kam allerdings auch schon vor der Digitalisierung vor, wie sich Depenbrock erinnert. Im Januar 1993 gab der damalige Bundeswirtschaftsminister Möllemann eine Pressekonferenz, auf der er sich gegen den Vorwurf der Vetternwirtschaft wehrte. Die Öffentlichkeit rechnete mit seinem Rücktritt. Als Möllemann eine Viertelstunde lang alle Beschuldigungen aus seiner Sicht entkräftet hatte, meldeten die ungeduldigen Medien, er trete nicht zurück und das Fernsehen beendete seine Live-Übertragung. So verpassten sie das nun Folgende: Möllemanns Rücktritt.  

Journalisten wollen wissen "wie jemand tickt"

Für die Medienvertreter in der Hauptstadt sind aber nicht nur öffentliche Auftritte von Politikern wie Reden, Parlamentsdebatten oder Pressekonferenzen wichtig, sondern auch Hintergrundgespräche. Dazu gibt es seit 1952 den Deutschen Presseclub, dem fast alle Journalisten der wichtigen Sender und Zeitungen angehören. Depenbrock leitet den Club seit 14 Jahren. Monatlich lädt er Persönlichkeiten der ersten Reihe vom Bundespräsidenten über Kanzlerin, Minister und Parteivorsitzende bis zu obersten Richtern, Gewerkschaftschefs und Verbandsvertretern zu einem vertraulichen Gespräch vor mehreren Dutzend Journalisten ein. Für ihn und seine Kollegen sind solche Hintergrundgespräche wichtig, um die Motive der handelnden Personen besser zu verstehen: "Es geht darum zu wissen, wie jemand tickt."

Nur Ministerpräsident Kretschmann kommt nicht

Depenbrock sagt: "Die meisten kommen gern, weil ihnen die zwanglose Art und Weise gefällt, einmal ohne Kameras und Mikrofon zu reden und sich gegenseitig besser einschätzen zu können." Ausnahme: Baden-Württembergs Ministerpräsident Winfried Kretschmann. "Der lehnt alle Einladungen nach Berlin ab. Er mag die Hauptstadtjournalisten nicht".

Dass ein Amt die Person auch verändern kann, hat Depenbrock an Angela Merkel beobachtet. Als sie das erste Mal in den Presseclub kam - noch als Fraktionschefin - nahm sie sich den ganzen Abend Zeit und trank das eine oder andere Glas Rotwein. Heute als Regierungschefin trinke sie nur Wasser und verschwinde nach eineinhalb Stunden.

Wie genau sind Umfrageergebnisse?

Im letzten Drittel des Abends blickt der Gast mit dem „Dialog“-Publikum hinter die Kulissen vonUmfragen vor und während der Wahlen. Er selbst arbeitet mit dem ARD-Vertragsinstitut infratest dimap zusammen und hat dort gelernt, dass sich schon mit der telefonischen Befragung von etwa 1000 Bundesbürgern (der sogenannten Sonntagsfrage), ein ziemlich genaues Bild über die aktuellen Parteienvorlieben malen lässt. Allerdings wird selten darauf hingewiesen, dass die Forscher keine punktgenauen Zahlen wissen, sondern einen Korridor von drei bis vier Prozentpunkten angeben. Das heißt, dass 20 Prozent auch 18 oder 22 Prozent bedeuten können. 

Die Prognose am Wahlabend fußt auf 100.000 Wählern

Aber die Antworten der Menschen seien ja nur Absichten, betont Depenbrock, noch keine Ergebnisse. Ganz anders am Wahltag: Dann stellt infratest dimap in 700 Wahllokalen eigene Urnen auf und bittet 100.000 Wähler anonym noch einmal ihr Kreuz sowie Angaben zu Geschlecht, Alter und Bildung zu machen. Die Wahllokale sind so ausgewählt, dass sie alle sozialen und regionalen Bevölkerungsgruppen widerspiegeln. Aus diesen Angaben stellen die Meinungsforscher schon am Nachmittag die Prognose zusammen, die selten mehr als einen Prozentpunkt vom tatsächlichen Ergebnis abweicht, wie Depenbrock weiß.

Die Prognose darf nicht vor Schließung der Wahllokale veröffentlicht werden; nur Journalisten bekommen sie zur Vorbereitung schon eine halbe Stunde eher. Politiker dürfen sie eigentlich auch noch nicht sehen, aber Depenbrock hat erlebt, dass mancher offenbar doch schon im Laufe des Nachmittags auf irgend einem Weg den Trend erfährt und sich so auf Sieg oder Niederlage vorbereiten kann. 


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