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„Dialog im Stift“ mit dem ehemaligen Diplomaten Werner Kilian

Fast 40 Jahre lang stand er im deutschen Auswärtigen Dienst: Werner Kilian vertrat die Bundesrepublik auf wechselnden Posten in London, Paris, Bukarest und Kabul sowie als Botschafter in Harare. Der Journalist Reinhard von Struve sprach mit Kilian über seine außenpolitischen Erfahrungen und seine Arbeit als Buchautor.

Berlin, im März 2018. – Das war ein Novum in der Geschichte des  „Dialogs“ im KWA Stift im Hohenzollernpark: Die Grippewelle hatte den eingeplanten Gast erwischt. Dankenswerterweise erklärte sich der Stiftsbewohner und langjährige Diplomat Werner Kilian bereit, die Lücke spontan zu schließen. Er erwies sich als Glücksfall für die Veranstaltung mit dem Journalisten Reinhard von Struve. Der volle Saal begrüßte Kilian mit aufmunterndem und dankbarem Beifall.

„Ich wollte hinaus, die Welt sehen“

Seine Berufswahl war vom Lebensgefühl der Nachkriegszeit geprägt, erinnert sich Kilian: „Ich wollte nichts wie raus und die Welt sehen.“ Das Jurastudium mit dem Spezialgebiet Internationales Seerecht und seine Sprachkenntnisse erleichterten ihm den Weg in den Auswärtigen Dienst. 

Gleich der erste Posten in Großbritannien in den 1960er Jahren brachte Kilian so etwas wie die Erfüllung seines Traums. Noch jetzt strahlen seine Augen, wenn er sich an das London der Swinging Sixties erinnert - mit den Beatles und den weltberühmten Shopping-Meilen King’s Road und Carnaby Street. Der diplomatische Alltag war allerdings wenig spektakulär. Zuständig für das Konsularwesen hatte es Kilian vor allem mit Scheidungsproblemen zwischen deutschen Frauen und ehemaligen britischen Soldaten zu tun. Außerdem musste er gestrandeten deutschen Touristen helfen, die Entschädigungsanträge jüdischer Emigranten entgegennehmen und Zeugen für Kriegsverbrecherprozesse vernehmen.

Erster westlicher Vertreter beim neuen afghanischen Staatschef

In Kabul erlebte der junge deutsche Diplomat den Sturz von König Zahir Schah mit. Als der König zur Kur in Italien war, setzte ihn dessen Vetter Daoud ab und rief die Republik aus. In den Umsturzwirren mit Ausgangssperre schaffte es Kilian auf abenteuerliche Weise - als Afghane verkleidet - aus der schlecht ausgerüsteten bundesdeutschen Botschaft zu den amerikanischen Kollegen, um von dort aus Bonn über die Lage und den neuen Machthaber zu informieren. Er war dann der erste westliche Diplomat, der dem neuen Herrscher seine Aufwartung machen durfte, wie sich Kilian stolz erinnert.

Damals war Simbabwes Mugabe noch „Everybody‘s Darling“

Seine Erfahrungen in Bukarest und Harare waren ähnlich: Er erlebte Staatschefs, die zunächst „Everybody’s Darling“ waren, bevor sie sich durch Menschenrechtsverletzungen und ein diktatorisches Regime ins Abseits manövrierten. Ceaucescu in Rumänien wurde lange im Westen als einziger Ostblock-Kritiker der Sowjets hofiert und Mugabe erschien europäischen Besuchern zunächst als feingeistiger Demokrat an der Spitze des afrikanischen Vorzeigestaates Simbabwe. 

Nach seiner aktiven Zeit schrieb Kilian zwei Bücher. Das eine ist eine Kritik an der Hallstein-Doktrin, dem Alleinvertretungsanspruch, der jahrzehntelang die bundesdeutsche Außenpolitik beherrschte und – wie Kilian bilanziert – nichts erreichte, „außer dass sich deutsche Diplomaten lächerlich machten“. Zur Erheiterung des Publikums erzählt Kilian einige Anekdoten: Etwa wie der deutsche Geschäftsträger mitten im Kalten Krieg ein Reitturnier in Rotterdam beobachtete, wo illegaler Weise die sogenannte Spalterflagge der DDR gehisst wurde. Zufrieden berichtete der Diplomat damals nach Bonn, die Flagge sei aber nicht gebläht worden, weil kein Wind wehte.

Mit Olivenöl gegen russische Wodka-Gelage

Auch im zweiten Buch über Adenauers Moskaureise 1955 erfreut Kilian die Leser neben akribischer Analyse mit humorvollen Schilderungen. Dazu gehört die bange Vorbereitung der Bonner Besucher auf gefürchtete Wodka-Gelage: Der eine versorgte sich mit Zäpfchen gegen die Wirkung des Alkohols, der andere versuchte, den Wodka mit ständigem Löffeln von Olivenöl abzuschwächen. 

Politisch zielt Kilian in seinem Buch darauf ab, den Erfolg Adenauers in Moskau mit der Freilassung der letzten Kriegsgefangenen und der Aufnahme diplomatischer Beziehungen niedriger zu hängen. Die Beziehungen hätten die Sowjets aus wirtschaftlichem Interesse selbst angestrebt, die Freilassung habe nachweislich schon zuvor auf dem Tablett gelegen und der Wiedervereinigung sei Adenauer keinen Schritt nähergekommen. Immerhin, das gesteht Kilian dem damaligen Kanzler zu, „er hätte es auch vermasseln können.“

Auf die Frage des Moderators, ob ihm seine kritischen Bücher Ärger mit früheren Kollegen eingebracht hätten, antwortet Kilian trocken: „Nicht alle waren begeistert.“  

„Afghanistan bleibt ein Trauerspiel“

Am Schluss dieses abwechslungsreichen und unterhaltsamen „Dialogs“ schlägt Reinhard von Struve den Bogen zur aktuellen Außenpolitik und fragt, wie Kilian mit seiner Kabul-Erfahrung die aktuelle Debatte über ein stärkeres Engagement der Bundeswehr in Afghanistan empfinde. Der Gast nimmt kein Blatt vor den Mund: „Ich kann keinen Sinn darin sehen, 320 zusätzliche Soldaten dorthin zu schicken.“ Er erwähnt die ungelösten Spannungen zwischen den Stämmen im Land und die schlecht funktionierenden staatlichen Strukturen, verweist auf fortdauernde Anschläge und von Deutschland gebaute leere Mädchenschulen. Sein Fazit: „Die Situation ist deprimierend. Es bleibt ein Trauerspiel.“ Man werde einen weiteren Bürgerkrieg vermutlich nicht verhindern können.


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