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Dialog mit dem früheren DDR-Bürgerrechtler Uwe Dähn

Uwe Dähn war Bürgerrechtler und Regimegegner in der DDR. Der Gast im "Dialog im Stift" gab tiefe Einblicke in die Zeit der Unterdrückung im SED-Staat, in seine Mitarbeit in Oppositionsgruppen und die Momente, als die Hoffnung auf eine Wende spürbar wurde. Im KWA Stift im Hohenzollernpark stand Dähn dem Journalisten Reinhard von Struve jetzt Rede und Antwort.

Berlin, im Februar 2018. – Wenige Tage vor einem geplanten Besuch des Stasi-Museums durch die Bewohner des KWA Stifts im Hohenzollernpark gab Uwe Dähn im "Dialog" Auskunft über sein Leben als Regimegegner in der DDR. Vom Moderator nach seinem familiären Hintergrund befragt, sagt Dähn: „Ich stamme aus einer absolut überpolitisierten Familie. Beide Eltern waren 150-prozentige SED-Genossen.“ Und so sei der Weg zum „begeisterten Jungen Pionier“ für ihn vorgezeichnet gewesen, ebenso wie die vom Vater forcierte Marx-Lektüre.

"Hat Marx dieses Spießerland gemeint?"

Während des Studiums des Marxismus-Leninismus in Leipzig verstärkten sich aber die Zweifel, die schon vor dem Abitur entstanden waren, als Dähn sich geweigert hatte, eine Grußadresse zum Einmarsch der Warschauer-Pakt-Truppen in die Tschechoslowakei zu unterschreiben. Dähn entwuchs der Ost-Berliner Funktionärswelt, trug West-Jeans, ließ sich die Haare lang wachsen und goutierte westliche Popmusik.

Er und seine Freunde zweifelten daran, „dass Marx dieses Spießerland gemeint haben kann“. Sie nahmen ihr Studium ernst und wollten zum Beispiel mehr über die Konflikte zwischen den russischen Revolutionären Trotzki und Lenin wissen. Aber obwohl an der Universität ein offener Dialog propagiert wurde, förderten die Dozenten Duckmäusertum mit Drohungen, wie: „Noch so eine Frage und du siehst die Uni von draußen“.

Dähn und seine Gruppe brachten verbotene Bücher in die DDR

Mitte der 70er Jahre wurde Uwe Dähns oppositionelle Gruppe immer aktiver: Man schrieb anonyme Artikel für Westzeitungen über eine „Alternative zum real existierenden Sozialismus“, protestierte gegen die Ausweisung von Wolf Biermann, sammelte Geld für die polnische Gewerkschaft Solidarnosc. 

Einer in der kleinen Gruppe muss ein Stasi-Spitzel gewesen sein. Dähn wurde von der Akademie der Wissenschaften der DDR entlassen, wo er inzwischen als Assistent gearbeitet hatte. Drei Monate lang verhörte ihn die Stasi fast täglich, beschattete ihn auf allen Wegen und – wie er später beim Lesen seiner Akte erfuhr – belauschte ihn zu Hause. „Es ist mir heute noch unklar, warum wir so glimpflich davongekommen sind. Andere wanderten sofort in den Knast oder wurden von der Stasi zur Mitarbeit erpresst“, erinnert er sich.

Dähn fühlte sich als „anerkannter Staatsfeind“

Nach seiner Entlassung arbeitete Dähn als Heizer und später als Dramaturg in einer kleinen Theatergruppe in Schwedt an der Oder, zusammen mit der Regisseurin Freya Klier. Und seine innere Einstellung änderte sich: Wie er sagt, verstand er sich „nicht mehr als kritischer Genosse, sondern als anerkannter Staatsfeind“. Und über allem schwebte die Drohung der Stasi: „Zur Not kriegen wir Sie auch wegen Fahrraddiebstahl.“ Trotzdem führte die Gruppe regimekritische Stücke auf. 

Seinen vielen Freunden, die in den Westen ausreisen wollten, schloss sich Dähn nicht an, weil ihm die Theaterarbeit zu viel bedeutete und er sich Anfang der 80er Jahre mit dem Friedenskreis in der Berliner Kirchengemeinde Alt-Pankow ein neues Betätigungsfeld erschloss. „Jetzt hatte alles für mich wieder einen Sinn“, sagt der ehemalige Bürgerrechtler dazu und lobt das Engagement vieler evangelischer Pfarrer für die Sache der Opposition. Man wollte sich gegen die Rüstung in Ost und West wehren und kleine Freiräume erkämpfen wie in Polen. 

„Die Betonköpfe können sich so nicht mehr halten“

Es dauerte aber bis zum Jahr 1989, bevor sich für die Regimegegner ein Umsturz in der DDR abzuzeichnen begann: Die Proteste gegen den Betrug bei den Kommunalwahlen im Frühjahr, die politische Bewegung in Albanien, Rumänien und Ungarn, die ersten freien Wahlen in Polen und die blutige Niederschlagung der Proteste in Peking, was von der DDR-Volkskammer noch begrüßt wurde. Dähn erinnert sich: „Da war uns klar, die Betonköpfe können sich so nicht mehr halten.“

Die Wahlniederlage im März 1990 nicht als Niederlage empfunden

Reinhard von Struve will zum Abschluss des Dialogs von Dähn wissen, wie er die dramatische Niederlage der Bürgerrechtsgruppen um das Neue Forum bei der ersten freien Volkskammerwahl im März 1990 erlebte: Die CDU kam mit ihren Verbündeten auf 48 Prozent der Stimmen, die Bürgergruppen nur auf 3 Prozent. Der damalige Oppositionelle sieht heute noch das tränenüberströmte, entsetzte Gesicht der Gründerin des Neuen Forums, Bärbel Bohley, bei der Stimmenauszählung vor sich, fügt aber hinzu: „Für mich war damals das Gefühl einer Niederlage weit weg. Alles wurde überdeckt von dem Glücksgefühl, dass ich mit 39 Jahren zum ersten Mal in meinem Leben wählen darf und dass wir das erkämpft haben.“


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