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Talk in der Rosenau mit Bernd Löhle und Brigitte Fastus vom Pestalozzi Kinder- und Jugenddorf in Stockach-Wahlwies

Konstanz, 16. März 2017. – Über Kinder zu schreiben ist etwas Schönes, doch es kann passieren, dass es dabei – wie auch hier – um Leid und Freude geht. Das Niederschreiben der Eindrücke von diesem Talk über das Pestalozzi Kinder- und Jugenddorf Wahlwies musste etwas warten: Dem Abend beim Talk folgte eine persönliche Einladung, im Kinderdorf selbst mal vorbeizuschauen; so fließen diesmal Gehörtes und Gesehenes zusammen. 

Teile der Stadt Konstanz liegen auf der Spitze des Bodanrücks, jenes Höhenzugs, der Überlinger und Radolfzeller See voneinander trennt. Es ist eine stille Landschaft mit Gemüsefeldern, Obstplantagen, Wiesen und bewaldeten Hügeln, dazwischen kleine Dörfer mit Fachwerkhäusern. Eine Bilderbuchlandschaft ganz besonders im Frühling, wenn die Obstbäume blühen.

Die Kinderdorf-Gründer: Dr. Erich Fischer und Dr. Adalbert Graf von Keyserlingk

Aber es hat hier auch andere Zeiten gegeben. Mit Flüchtlingsströmen nach dem zweiten Weltkrieg, mit Kindern, die verzweifelt und traumatisiert von Flucht und Vertreibung Hilfe brauchten, mit Kindern, die ihre Eltern verloren hatten. Zwei Männer haben damals nicht weggeschaut. Am Rand von Wahlwies – so kann man es in den Broschüren des Kinderdorfes nachlesen – gab es damals zwölf alte Baracken, Relikte, die irgendwie den Krieg überstanden hatten und den beiden Männern „wie gerufen" kamen für eine Idee. Der eine der Schweizer Musikwissenschaftler Dr. Erich Fischer, der andere der schlesische Arzt und Landwirt Dr. Adalbert Graf von Keyserlingk – selbst ein Flüchtling. Gemeinsam nahmen sie sich der Kriegswaisen an, funktionierten mit Helfern aus dem Dorf und der Umgebung und Spenden aus der nahen Schweiz die Baracken so um, dass sie als erste Wohn-Behelfe für ihre Schützlinge schon mal genutzt werden konnten. Und sie motivierten Ehepaare „mit dem notwendigen Pioniergeist", als Kinderdorf-Eltern mit ihren bis zu zwölf Schützlingen die ersten Kinderdorf-Familien zu bilden.  

Landwirtschaft und Handwerk: nicht nur fürs Dorf, sondern auch für die Region

Den Gründern war klar, dass ihr Projekt auch eine wirtschaftliche Basis brauchte, um langfristig überleben zu können. So starteten sie fast zeitgleich mit der Gründung der Pestalozzi Siedlung 1947 erste landwirtschaftliche Aktivitäten für Obst und Gemüse, die heute vom eigenen Erlenhof – gleich neben dem Kinderdorf – sehr modern und professionell auf fast 200 Hektar weitergeführt werden. Dann kam eine Gärtnerei dazu, heute mit großen, verglasten Gewächshäusern. Zudem gehören zum Kinderdorf: eine moderne Großküche, die etwa ein „halbes Hundert" externer Großabnehmer in der Region beliefert, eine Bäckerei, ein Dorfladen, ein Fuhrpark für Kunden-Belieferungen und für die verschiedenen Wochenmärkte, auf denen das Kinderdorf mit eigenen Ständen präsent ist, sowie verschiedene technische Einrichtungen und Handwerksbetriebe, vorrangig zur Eigenversorgung, aber mit steigender Tendenz auch als Dienstleister für externe Auftraggeber: weil man Einnahmen für das Kinderdorf erzielen und Ausbildungs- sowie berufsvorbereitende Förderplätze in bis zu 18 Berufsbildern vorhalten will. Aktuell werden im Kinder- und Jugenddorf Wahlwies rund 60 Azubis ausgebildet. Die meisten kommen aus dem Landkreis Konstanz. Viele von ihnen haben einen Förderbedarf, würden eine Ausbildung im sogenannten ersten Arbeitsmarkt nicht schaffen.

Wo alles mit zwölf Baracken anfing, stehen heute 20 moderne Familienhäuser, die das Zentrum des Kinderdorfes mit seinen 130 kleinen und größeren Bewohnern und ihren „Zweiteltern“ bilden, zudem Wohnungen für Mitarbeiter und Praktikanten im Dorf, ein psychotherapeutisches Zentrum, das zum Kinderdorf gehört, eine Schule, die auch individuell fördert – wo immer dies notwendig ist. Und eine Verwaltung mit der Geschäftsführung. Das alles passt auch heute noch schlüssig zusammen; basiert es doch auf einem Konzept, auf dem schon die beiden Gründer vor siebzig Jahren aufbauten: dem Ideal von Pestalozzi, den Kindern eine Erziehung und Ausbildung „von Kopf, Herz und Hand" mit auf den späteren Lebensweg zu geben.  

Für die langjährige Kinderdorf-Mutter Brigitte Fastus war die Aufgabe "Beruf und Berufung"

Auf der Bühne in der Rosenau stehen an diesem Abend drei Sessel, Talkmoderator Stephan Schmutz erwartet zwei Gäste: Bernd Löhle ist der Geschäftsführer des heutigen Pestalozzi Kinder- und Jugenddorfes. Brigitte Fastus bildete fast dreißig Jahre lang zusammen mit ihrem Mann ein Kinderdorf-Elternpaar. Der Moderator stellt ihr seine erste Frage: „In Wahlwies geht es immer und zu allererst um das Wohl von Kindern, die auf ihren kleinen Schultern zum Teil Lasten mit ins Kinderdorf schleppen, die unsere Vorstellungskraft  übersteigen. Wie haben Sie das geschafft, über eine so lange Zeit als Zweit-Eltern in einem Kinderdorf immer wieder verletzte Kinderseelen aufzurichten, sie zu betreuen und noch für die beiden eigenen Kinder da zu sein?“

Sie habe zusammen mit ihrem Mann in dieser Aufgabe „Beruf und Berufung“ gesehen und fühle sich dem Kinderdorf auch jetzt im kürzlich begonnenen Ruhestand immer noch eng verbunden, springe bei Bedarf auch immer wieder ein. Im Blick zurück? „Ja ich würde mich wieder so entscheiden.“ – Und sie erzählt von "ihren" siebzig Kindern, die sie im Lauf von fast dreißig Jahren im Kinderdorf begleitet hat. Zu vielen, die in der Regel nach dem 18. Geburtstag ins selbstbestimmte Leben hinaustreten, habe sie auch jetzt noch Kontakt. Doch in den vielen Jahren habe es auch große Veränderungen gegeben. So werde neuen Zweit-Eltern das Learning by Doing heute erspart und sie professionell auf ihre Aufgaben vorbereitet; bei Problemen stehe aus dem Betreuerteam des Dorfes immer Hilfe und Beratung bereit.

Stephan Schmutz wendet sich dem Geschäftsführer zu: „Was am 5. März 1947 unter schwierigsten Bedingungen begann, ist eine richtige Erfolgsgeschichte geworden. Wenn man die Jubiläumsbroschüre zum 70. Geburtstag durchblättert, denkt man fast an ein mittelständisches Unternehmen, das ja auch finanziert werden muss."

Im Pestalozzi Kinderdorf wirken viele Professionen zusammen: für 20 Kinderdorf-Familien

„Das ernst gemeinte Wohl eines Kindes kann man nicht an Effizienzkriterien festmachen", so der Geschäftsführer; jedes Kind bringe seine ganz individuelle, einzigartige Geschichte – sehr oft eine Leidensgeschichte – mit. Doch das Zusammenwirken von Betreuern, Ärzten, Physiotherapeuten, Lehrern und Mitarbeitern in den Betrieben und der Verwaltung muss organisiert und gesteuert werden; da sei Effizienz schon ein wichtiges Kriterium auch unter Kostengesichtspunkten. „Unser Dorf hat inzwischen 450 Mitarbeiter, die sich um unsere Schützlinge kümmern und die auch das Geldverdienen für das Dorf im Blick haben müssen." Träger ist der gemeinnützige Verein Pestalozzi Kinder- und Jugenddorf Wahlwies e. V.

Stephan Schmutz: „Sie lassen in Ihrer Jubiläumsbroschüre unter anderem den prominenten Pädagogen und früheren Leiter des Internates Schloss Salem zu Wort kommen: „Kindern den Glauben an sich zu vermitteln, ist der vornehmste Auftrag von uns Lehrern. Denn kein Kind geht verloren, an das ein Lehrer glaubt!“ 

Rund 3.000 Kinder sind bisher im Kinderdorf in Stockach-Wahlwies aufgewachsen

Am Eingang zum Kinderdorf steht eine Tafel mit einem Lageplan des Kinderdorfes: 61 Positionen sind darauf verzeichnet. Erst hier wird uns so richtig bewusst, was in 70 Jahren große für kleine Menschen geschaffen haben. 3.000 Kinder haben hier in ihren Familien Liebe und Zuwendung erfahren. Und hoffentlich auch ein stabiles Selbstwertgefühl aufbauen können.

Auf einer Wiese gegenüber vom Dorfeingang lassen einige Jugendliche Drachen steigen. – Wie das, im März? Jemand ruft uns zu: „Das sind unsere Jugendlichen aus Afghanistan, die heute ein afghanisches Fest feiern. Da lässt man Drachen steigen.“ Vielleicht ist auch ein bisschen Heimweh dabei, über das die hellen Drachen da oben am blauen Frühlingshimmel hinwegtrösten wollen.

Andererseits gibt es natürlich auch die Sehnsucht, Neues zu entdecken. Davon berichtete Bernd Löhle beim Talk in der Rosenau: „Bei uns gibt es Kinder im Dorf, die noch nie in ihrem Leben eine Fahrt in die Ferien machen konnten. Darum bieten wir jährlich ein Ferienlager. Da sind uns Spenden sehr willkommen!“ – Diesen Aufruf geben wir gerne weiter, zusammen mit einem Satz, der Wolfgang von Goethe zugeschrieben wird: „Es muss von Herzen kommen, was auf Herzen wirken soll."

Giselher Sommer

 

 

Impressionen vom Talk in der Rosenau im Februar 2017 mit Gästen vom Pestalozzi Kinder- und Jugenddorf Stockach-Wahlwies e. V. --- Fotos: Beate Steg-Baier. --- Alle Bilder lassen sich mit einem Klick vergrößern.

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Ehepaar Fastus, langjährige Kinderdorf-ElternBernd Löhle, Geschäftsführer des Pestalozzi Kinder- und Jugenddorfs Stockach-Wahlwies e. V.

 

 

 

 


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