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Dialog mit Peter Brandt – Kanzlersohn, Historiker und Buchautor

Im Gespräch mit Reinhard von Struve im KWA Stift im Hohenzollernpark berichtet der Sohn vom Leben mit seinem Vater Willy Brandt.

Berlin, im April 2017. – Er ist eines der prominentesten Politikerkinder des Landes: Peter Brandt. Während der jüngste Sohn des früheren Bundeskanzlers, Matthias, Schauspieler wurde und der mittlere, Lars, Literat und Filmemacher, wandte sich der älteste, Peter, der Wissenschaft zu. Er ist inzwischen emeritierter Professor für Europäische Verfassungswissenschaften an der Fernuniversität Hagen und gehört mehreren sozialdemokratischen Beiräten und Stiftungen an. Dem Journalisten Reinhard von Struve gab er im „Dialog im KWA Stift im Hohenzollernpark“ Auskunft über sein Leben und erinnerte sich an seinen Vater.

„Ich wusste selber nicht, dass ich amtlich Peter Willy Frahm, genannt Brandt, heiße"

Peter Brandt liest zunächst einige Passagen aus seinem Buch „Mit anderen Augen" vor. Es geht ihm darum, das Bild Willy Brandts von manchem Klischee zu befreien, das ihm anhaftet; dazu schildert er Szenen aus dem Familienleben in Berlin. Er will aber auch als Historiker seinem Vater möglichst nahe kommen und beleuchtet ausführlich dessen Kindheit, erste politische Erfahrungen in der Weimarer Republik, die Flucht zur Nazizeit nach Norwegen und die journalistisch-politische Arbeit im Exil.

Aufgewachsen als Herbert Frahm in einem Lübecker Proletarierviertel, ohne Vater, von der alleinerziehenden Mutter zu Bekannten und einem nicht-leiblichen „Großvater“ gegeben, wurde die Arbeiterbewegung mit ihren Organisationen für den jungen Willy zur Ersatzfamilie – und blieb es bis zu einem gewissen Grad auch später, wie aus dem Buch hervorgeht.

Peter Brandt entdeckte erst bei der eigenen Hochzeit in seinen Papieren, dass sein amtlicher Taufname „Peter Willy Frahm, genannt Brandt", ist. Willy Brandts Namenswechsel und seine Zeit im Exil nutzten Gegner – in Berlin wie in Bonn, in der SPD wie außerhalb – später immer wieder als Waffe in der politischen Auseinandersetzung. 

Spaziergänge und Bootsfahrten auf dem Schlachtensee

Was die Kindheit in Berlin-Zehlendorf betrifft, hat Peter Brandt seinen Vater in der Familie als sehr präsent erlebt. Er erinnert sich an Spaziergänge und Spiele am Schlachtensee und gemeinsame Bootsfahrten. Nur bei Elternabenden oder Aufführungen in der Schule wollte sich der Regierende Bürgermeister ungern sehen lassen. 

Mit Willy Brandts Übernahme des Außenministeramtes und dem Umzug nach Bonn entfremdeten sich Vater und Sohn. Der 18-jährige Peter stand vor dem Abitur und blieb in Berlin. Es begann die Zeit der APO, der Vietnamkriegsproteste und der Studentenunruhen. Er ging politisch seinen eigenen Weg, der ihn zu Trotzkisten, Linkssozialisten und Kommunarden führte und erst in den Neunziger Jahren wieder zurück zur SPD. Schmunzelnd meint Peter Brandt: „Mein Vater konnte sich schlecht beklagen, war er doch selber als junger Mann ein Rebell gewesen."

Trotzdem belastete Peters von den Medien immer wieder aufgespießte linke politische Betätigung die Arbeit des Vaters. Höhepunkt war eine häusliche Drohung Willy Brandts mit dem Rücktritt, wenn Peter so weitermache. In der SPD gab es sogar den Vorschlag, wie der Sohn erzählt, ihn mit einem Stipendium ans andere Ende der Welt zu verfrachten. Später näherten er und sein Vater sich politisch wieder an.

Willy Brandts Vermächtnis: Wandel durch Annäherung im Osten

Am Ende des Buches fragt Peter Brandt, ob die „Methode der Konfliktbearbeitung  in der Ostpolitik“ Willy Brandts und „seine Vorschläge für eine solidarische Gestaltung des Nord-Süd-Verhältnisses“ nicht auch in aktuellen Krisen und Kriegen einen Ausweg weisen könnten. 

Den ersten Schritt zur damaligen neuen Ostpolitik, für die Brandt-Berater Egon Bahr die Formel „Wandel durch Annäherung“ erfand, hatte Peter Brandt selbst als 15-Jähriger in seiner Falken-Gruppe miterlebt: Sie versorgten viele der Tausende Menschen, die in endlosen Schlangen in der Dezemberkälte 1963 auf Passierscheine warteten, die sein Vater der DDR abgerungen hatte, mit heißen Getränken.  

Dass Brandt im Zuge der Guillaume-Affäre als Kanzler zurücktrat, aber noch lange SPD-Vorsitzender blieb, kann sein ältester Sohn gut verstehen. Genau zu diesem Schritt hätte er ihm auch geraten, sagt Peter Brandt und bedauert, dass die in seinen Augen für die Zuspitzung des Falls eigentlich Verantwortlichen ihr Amt behalten durften, der damalige Innenminister Genscher und der BND-Chef Nollau: „Sie ließen zu, dass der Bundeskanzler monatelang zum Lockvogel für einen DDR-Spion wurde.“ 

Der Verrat hatte übrigens nicht ganz so schlimme Folgen wie zunächst befürchtet, erzählt Peter Brandt unter dem Lachen des Publikums. Den Mikrofilm mit geheimen NATO-Dossiers, die Guillaume im Norwegen-Urlaub mit den Brandts in die Finger bekommen hatte, warf ein DDR-Mittelsmann des Spions, der sich verfolgt glaubte, später in Bonn verängstigt in den Rhein.     

Nein, schließt der Dialog-Gast das Gespräch, es gebe Schlimmeres als der Sohn eines Spitzenpolitikers zu sein. Außerdem erkennten ihn heute nur noch wenige Menschen und vielen jüngeren sage der Name Brandt ohnehin nicht mehr so viel. 

 

KWA Buchtipp:

 

Peter Brandt
Mit anderen Augen
Versuch über den Politiker und Privatmann Willy Brandt

 

Gebundene Ausgabe: 280 Seiten
Verlag: Dietz, J H (14. Oktober 2013)
ISBN-13: 978-3801204419



 

 


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