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Talk in der Rosenau mit Angela Rosengart (S. 2)

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Roland Doschkas erste Begegnung mit Angela Rosengart war beruflicher Natur, er bereitete eine Ausstellung vor: „Ich kam als Bittsteller.“ Er habe sich schon lange mit künstlerischer Keramik beschäftigt. Während in Deutschland kunstgewerbliche Keramiken produziert werden, gibt es in Frankreich traditionell auch Keramiken von großen Künstlern. Von Braque. Von Chagall. Und auch von Picasso. Von Chagall gibt es nur Unikate, rund 200. Eine von Chagalls Keramiken, die er für eine Ausstellung 1984 in Balingen haben wollte, befand sich in der Sammlung Rosengart. Und dann explodieren Doschkas Erinnerungen an den Besuch bei Angela Rosengart: „Dieses Haus – grandios gefüllt mit Kunst – so etwas habe ich in meinem ganzen Leben noch nie gesehen und werde es auch nie wieder sehen.“ Inzwischen sind die Kunstwerke nicht mehr auf engem Raum an die Wand geheftet, sondern in angemessenem Abstand im Museum Stiftung Rosengart - sodass jedes Bild für sich wirken kann.

Kurator Roland Doschka schätzt die Generosität von Angela Rosengart

Ohne Leihgaben von Angela Rosengart wären viele der von Doschka kuratierten Ausstellungen nicht so erfolgreich geworden. Zum einen sieht er bei der Stifterin eine „außergewöhnliche Generosität“. Zum anderen verbinde ihn mit ihr eine Art „geschwisterliches Verständnis“. Gespräche mit Angela Rosengart über Kunst seien immer sehr fruchtbar gewesen. – Dazu die Dame: „Seine Ausstellungen und seine Ideen hatten immer Hand und Fuß.“ Da freue sie sich, wenn sie ihm weiterhelfen und mitmachen könne. – Auch nächstes Jahr, wenn Roland Doschka in Lindau eine grandiose Ausstellung mit Werken von Paul Klee präsentieren wird.

Ohne die Zusagen von Angela Rosengart hätte Doschka nach eigenem Bekunden nicht den Mut dazu gehabt. Zum einen wird Klee auch von vielen anderen für Ausstellungen angefragt. Zum anderen geht es bei Klee um ungeheure Versicherungssummen. Viele Werke der Klassischen Moderne sind heute von exorbitantem Wert. „Einer der 'Heuhaufen' von Claude Monet hat kürzlich 80 Millionen gebracht", berichtet der Kunstexperte – doppelt so viel wie vorab angenommen. Bei einem Promille komme man bei diesem Werk auf eine Versicherungsprämie von 80.000, dazu kommen laut Doschka rund 100.000 für den Transport. Für ein einziges Bild. Solche Summen sind schwer zu finanzieren. „Über solche Summen will ich gar nicht nachdenken“, wirft Angela Rosengart ein. „Aber unser Museum ist gut gesichert. Es war ehemals der Luzerner Sitz der Schweizerischen Nationalbank.“ Freilich schicke sie ihre Kunstwerke lieber nach Lindau als über den Atlantik. „Es sind ja meine Kinder und ich will sie wiedersehen", bekennt sie.

„Das X-chen“ erwarb das Lehrmädchen Rosengart vom ersten selbstverdienten Geld

Stephan Schmutz fragt nach den Anfängen, als sie mit 16 als Lehrmädchen in den Kunsthandel des Vaters Siegfried Rosengart eintrat. „Stimmt es, dass Sie für Ihr erstes selbstverdientes Geld nicht wie andere junge Mädchen ein schickes Kleid gekauft haben, sondern eine Zeichnung von Paul Klee? – Das X-chen?“ Ihre Antwort: „Ja." Und dann erzählt sie: Ihr Vater durfte Werke aus dem Nachlass von Paul Klee aussuchen. In die Zeichnung „Das X-chen“ habe sie sich auf Anhieb verliebt. Sie fasste sich ein Herz und fragte den Direktor der Nachlassverwaltung, was die Zeichnung kosten würde. Dieser wiederum habe sie gefragt, wie viel sie in einem Monat verdiene – und als er es wusste, war seine nächste Frage: „Wärst du bereit, einen Monat lang zu arbeiten, um Das X-chen zu bekommen?“ – Ja, das war sie. Und so hat sie „Das X-chen“ für 50 Franken bekommen. Damals hat sie sich „wahnsinnig gefreut“. Heute denkt sie, der Gedanke, einen Monatslohn dafür zu nehmen, sei ein kluger und schöner Gedanke gewesen. So konnte sie sich die Zeichnung erarbeiten.

Stephan Schmutz wendet sich Roland Doschka zu: „Was macht denn so ein kleines X-chen zu einem großen Kunstwerk?“ Roland Doschkas Gedanken: „Die Kunst hat einen Ursprung. Die ersten künstlerischen Darstellungen sind Symbole für Tiere oder Menschen. Es sind sogenannte archetypische Zeichen. Diese bestechen durch ihre Einfachheit und ihr Lineament. Da gibt es nichts Überflüssiges.“ Er nennt unter anderem die Wandmalereien in den Cuevas de Altamira. „Klee führt mit dem X-chen die Kunst zurück auf den Ursprung, auf das Substanzielle.“ Auch „Drei auf Wanderschaft“ sei von solcher Einfachheit und Kraft. – Dieses Bild von Paul Klee war ein Hochzeitsgeschenk der Familie Rosengart an Marc Chagalls Tochter.

Kunst kaufen sollte man nur, wenn man sich mit dem Werk identifizieren kann – sagt Roland Doschka

Es geht weiter mit einem Zitat von Angela Rosengart, Stephan Schmutz liest vor: „Was ich nicht mag, befindet sich auch nicht in der Sammlung. Die Besucher müssen meinem Geschmack folgen.“ – Der Moderator möchte wissen, was nach ihrem Geschmack ist, und, was sie schrecklich findet. Doch die Befragte zögert, sagt schließlich: „Wir haben nie mit dem Kopf ausgesucht, sondern immer mit dem Herzen.“ Roland Doschka hat beim Zitat die Stirn gerunzelt, sagt: „Mit dem Geschmack ist das so eine Sache. – Kaufen sollte man nur, wenn man sich mit dem Werk auseinandergesetzt hat und sich damit identifizieren kann.“ Wenn man sich nicht sicher sei, solle man mit dem Kauf lieber warten und das Werk noch eine Zeitlang auf sich wirken lassen. Kunst sei heute vielfältig, zeige die Zerrissenheit der Gesellschaft. Kunst sei aber auch visionär, nehme die Zukunft voraus.

Stephan Schmutz bittet Angela Rosengart zu beschreiben, welche Menschen in ihr Museum kommen. Ob es Touristen sind, die das einfach abhaken möchten. – Ihre Beobachtung: „Die Besucher kommen aus Zürich, aus Los Angeles, aber auch aus Peking.“ An der Klassischen Moderne gebe es weltweit Interesse. Sie geht fast jeden Tag ins Büro und auch ins Museum. Sie werde immer wieder erkannt, so komme es zu Gesprächen. Angela Rosengart sagt: „Dadurch lebt das Museum.“

Roland Doschka träumt von Claude Monet, Angela Rosengart von Pablo Picasso

Die nächste Frage des Moderators gilt Roland Doschka: Ob es ein Kunstwerk gibt, das er unbedingt für eine Ausstellung haben möchte. Doch der Kurator zeigt sich bescheiden, sagt: Wenn Angela Rosengart den vielen Anfragen nachkäme, wäre ihre Galerie in zwei Monaten leer. Sie könne nicht ihm etwas ausleihen und gleichzeitig dem Museum of Modern Art absagen. Er versteht, dass Sammler und Museen bei Weitem nicht allen Wünschen nachkommen können. – Für eine Ausstellung im Jahr 1992 hat er sich um ein Werk von Claude Monet bemüht, das im Musée d‘Orsay hängt. Nach einer ersten Absage und weiteren vergeblichen Versuchen ist er persönlich in Paris vorstellig geworden. Da erst wurde ihm klar, dass das Museum selbst nur sieben Monets hatte und täglich zig Anfragen dazu eingingen. – Weshalb er dann sogar zwei Werke von Monet für die Ausstellung bekam, wollte er nicht verraten. Monet ist es, der den Gartenliebhaber Doschka noch immer umtreibt: Eine große Ausstellung mit Werken des „Garten-Künstlers“ würde er gerne noch kuratieren.

Angela Rosengart hingegen träumt von einem Picasso-Bild von 1906 - einem Akt von Picassos Muse Fernande Olivier. Das Bild hängt heute in einem Museum in Toronto, ist somit unerreichbar. Ihr Vater habe es damals behalten wollen, doch sie selbst und ihre Mutter hätten zum Verkauf gedrängt, weil es einen unglaublich hohen Erlös einbrachte. Pablo Picasso gilt dann auch der Schluss des Talks: Sowohl Angela Rosengart als auch Roland Doschka denken, dass Picasso sich seiner großen Bedeutung für die Kunst des 20. Jahrhunderts bewusst war. Allerdings hat er es laut Angela Rosengart nie gezeigt. „Er war ein einfacher Mensch, hat sich immer über Kleinigkeiten gefreut. Manchmal war es ein schönes Einwickelpapier, das er dann aufbewahrte.“ 

Sieglinde Hankele

 

KWA Lesetipps:

Besuche bei Picasso
von Angela und Siegfried Rosengart.

Taschenbuch: 72 Seiten
Verlag: Daco Verlag; Auflage: 2 (1. Januar 1988)
Sprache: Deutsch
ISBN-13: 978-3871350030

Mit Goethe durch das Gartenjahr
von Roland Doschka.

Gebundene Ausgabe: 112 Seiten
Verlag: Prestel Verlag (27. Juli 2015)
Sprache: Deutsch
ISBN-13: 978-3791381961

Impressionen vom Talk in der Rosenau mit Angela Rosengart und Überraschungsgast Roland Doschka (Fotos: Beate Steg-Bayer)

Gäste beim Talk in der Rosenau mit Angela RosengartGast mit Angela Rosengart
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Gast beim Talk in der Rosenau mit Angela RosengartAngela Rosengart und Marina GernardRoland Doschka mit Gästen beim Talk in der Rosenau mit Angela Rosengart
Roland Doschka mit Gast beim Talk in der Rosenau mit Angela RosengartGäste beim Talk in der Rosenau mit Angela RosengartGäste beim Talk in der Rosenau mit Angela Rosengart

 

 


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