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Dialog im Stift: mit der Chefin des Berliner WDR-Hörfunk-Studios Katrin Brand

„Ich wollte schon immer rausgehen und die Welt erklären“

Berlin, Mai 2016. – Um die Rolle der Journalisten und die Beobachtung der politischen Arbeit in der Hauptstadt ging es am 26. Mai im Dialog des KWA Stiftes im Hohenzollernpark . Der Moderator Reinhard von Struve hatte dazu die WDR-Radiokorrespondentin Katrin Brand eingeladen. Sie leitet seit 2012 das Berliner Hörfunkstudio des Senders mit sieben Reportern und war zuvor vier Jahre lang Chefin des WDR/NDR-Studios in der EU-Metropole Brüssel.

„Klassenfahrt“ des Kabinetts nach Schloss Meseberg

Als Einstieg in den Abend ließ Brand das Publikum ihren Radiobeitrag über die Regierungsklausur in Schloss Meseberg hören, die vor gerade 24 Stunden zu Ende gegangen war. Und die Journalistin relativierte ohne Scheu die politische Bedeutung der Klausur:  Einen großen Erkenntnisgewinn habe es dort nicht gegeben. Die Kanzlerin und ihre Minister hätten einfach einmal ohne Zeitdruck und Ablenkung knapp zwei Tage lang in kleiner Runde Fragen erörtern wollen, zu denen sie sonst nicht kämen. Brand sprach vom „Klassenfahrtcharakter“ der Klausur – aber eben mehr als eine reine „Showveranstaltung“.

Die Frage des Moderators, warum er im WDR-Radio selten exklusive Informationen über Regierung  und Parteien in Berlin höre, beantwortet  Brand so:  Umfangreiche Recherchen seien eher die Aufgabe von Zeitungen und Nachrichtenmagazinen. Radiojournalisten dagegen müssten möglichst schnell über politische Vorgänge informieren, Hintergründe liefern, Entscheidungen einordnen und kommentieren, den Menschen also bei der Meinungsbildung helfen.  Ihr Credo: „Ich möchte, dass die Hörer sagen: Ach interessant, jetzt habe ich das verstanden.“  Sie habe schon immer rausgehen und die Welt erklären wollen.

Kein Druck von Politikern oder Vorgesetzten

Den in der Öffentlichkeit gelegentlich zu hörenden Vorwurf, der WDR-Intendant oder gar Bundeskanzlerin Merkel sage, was zu berichten sei, wies Brand entschieden zurück: „Dass die Regierung bestimmt, was in den Medien steht, das ist ganz, ganz großer Unsinn.“ Auch der WDR-Intendant Buhrow habe Wichtigeres zu tun als sich in ihre Arbeit einzumischen.
Brand machte klar, dass niemand Hauptstadtjournalist werden sollte, der seine vorgeschriebene Arbeitszeit auf die Minute einhalten wolle. Über die tarifvertraglichen 38,5 Stunden in der Woche lache sie sich mit ihren Berliner Kollegen kaputt. Nicht selten komme sie erst nach 10 bis 12 Stunden nach Hause.

Begeisterter Blick zurück auf die Zeit in Brüssel

Bei der Erinnerung an ihre Jahre in Brüssel kommt die Journalistin ins Schwärmen. Es gebe kaum etwas Spannenderes als den Blick auf 28 Nachbarländer in Europa, die in der globalisierten Welt versuchten, ein ordentliches Zusammenleben zu organisieren. Natürlich gebe es zu viel Bürokratie und auch nationalistische Rückschläge wie etwa in Polen und Ungarn. Aber das könne nicht verdecken, was für ein Segen die EU für die ehemaligen Kriegsfeinde inzwischen geworden sei. Brand wörtlich: „Der Preis mag hoch sein, aber es hat sich gelohnt.“  An der Stelle bremst sie sich selbst in ihrer Begeisterung und mahnt sich aufzupassen, dass sie von einer neutralen Journalistin nicht zur Europa-Botschafterin werde.

„Journalisten brauchen einen 360-Grad-Rundum-Blick“

Was die Journalistin vor einer solch drohenden Betriebsblindheit schütze? Man brauche einen „360-Grad-Rundum-Blick“. Man müsse den Kopf überall hinwenden und sich fragen, welche Meinungen man sich noch anhören sollte und was jemand über ein Thema denke, der nicht wie Brand um die 50 Jahre alt, gut ausgebildete Besserverdienerin und Akademikerin ist. Es gehe darum, immer wieder auch eine andere Sicht auf die Welt zu suchen.

Gegen Ende des Dialogs mahnt die Journalistin ihre Berufskollegen, nicht immer noch schneller, erregter und mit knackigeren Formulierungen um Aufmerksamkeit zu buhlen:  „Je älter ich werde, desto klarer sehe ich, dass die Welt nicht aus Schwarz und Weiß besteht, sondern zum Großteil aus Zwischentönen. Die atemlose Berichterstattung tut Politik und Journalismus nicht gut. Viele Themen in der Politik brauchen einen langen Atem, leben von Verhandlungen und Kompromissen. Das müssen wir Journalisten darstellen.“

Die abschließende Frage nach einer zweiten Amtszeit von Bundespräsident Gauck kann auch Brand nicht beantworten - obwohl es ein beliebtes Spiel unter Berliner Journalisten sei, Gauck auf möglichst originelle Weise zu fragen, ob er noch einmal antrete. Ihre Berufserfahrung lasse sie aber vermuten, dass er es selbst noch nicht wisse.




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