Zur Haupt-Navigation springen | Zum Inhalt springen

50 Jahre KWA Kuratorium Wohnen im Alter
Menue
Immer auf dem Laufenden

Transnationale Pflegekräfte – Wer pflegt Deutschland?

Dr. Thomas Klie, Dr. Grit Braeseke und Dr. Axel Klopprogge beschrieben beim 14. KWA Symposium, was alles zu tun ist, wenn wir Menschen aus dem Ausland hier in der Pflege einsetzen möchten. – Pflege in deutschen Privathaushalten ist oft mit Schwarzarbeit verbunden. Doch es gibt Alternativen. Claudia Menebröcker stellte das Caritas-Projekt „CariFair“ vor, Mag. Walter Marschitz die 24-Stunden-Pflege in Österreich. Dr. Alexander Kostrzewski sprach über die Vermittlung von Haushaltskräften aus Mittel- und Osteuropa nach dem Entsendegesetz.

München / Unterhaching, 17. Februar 2016.

Stefania Mihuta hat bei einem Besuch in Deutschland ihren heutigen Mann kennengelernt. Ihm zuliebe hat sie ihre Anstellung als Rechtsanwältin aufgegeben und Rumänien verlassen. Heute macht sie eine Ausbildung in der Altenpflege im KWA Parkstift Hahnhof in Baden-Baden. Ursprünglich wollte sie damit nur ihre Deutschkenntnisse verbessern – doch inzwischen hat sie das Ziel, Sozialmanagement zu studieren. Pflegedienst- oder Heimleitung seien gute Karrierechancen. 

Solange Kamdem ist nach Deutschland gekommen, weil ihr Mann hier studiert hat. In ihrer Heimat Kamerun hat sie in der Krankenpflege gearbeitet, heute arbeitet sie in der Altenpflege, im KWA Parkstift St. Ulrich in Bad Krozingen. Sie hat drei Kinder, doch das Familienleben war ihr nicht genug. Ohne einen Platz für das acht Monate alte Baby zu haben, ergriff sie die Initiative, stellte sich vor – und wurde genommen. Bei der Suche nach Plätzen in einer Tagesstätte beziehungsweise im Kindergarten war der Arbeitgeber behilflich. 

Für Semir Sogorovic ist Deutschland sein Traum. Nach Schule und Praktikum hat er in Bosnien in einer Klinik gearbeitet. Doch die Zustände seien schlecht, die Kriminalität hoch, für junge Menschen gebe es keine Chancen. Obwohl er noch Probleme hat, weil Bosnien nicht zur EU gehört, und auch Probleme mit der deutschen Sprache, sagt er klar und deutlich: „Aber ich will das. Ich kann das. Ich mach das.“ – Er arbeitet im KWA Hanns-Seidel-Haus in Ottobrunn.

Dies berichteten die drei Pflegemitarbeiter bei einer Gesprächsrunde im Rahmen des 14. KWA Symposiums in München. Wäre das der Einstieg gewesen, hätte vermutlich so mancher Zuhörer gedacht: Na, das Problem kann nicht so groß sein, die Pflegekräfte kommen doch von allein. Doch diese aus Arbeitgebersicht erfreulichen Beispiele sind nicht repräsentativ. Und diese drei können keinesfalls die gigantische Lücke füllen, die sich im Pflegebereich abzeichnet. Im Rahmen einer Studie von AGP Sozialforschung Freiburg in Zusammenarbeit mit der Hans-Weinberger-Akademie München für das Bundesgesundheitsministerium wurden Hochrechnungen durchgeführt. 

Auf dieser Grundlage beziffert Thomas Klie das Quantum fehlender Pflegekräfte in der Langzeitpflege für das Jahr 2030, allein für Deutschland, mit 400-500.000. Für die Zeit danach ist eine weitere Verschärfung zu erwarten. Die Einschätzung von Experten im Hinblick auf das Pflegekraft-Defizit ist laut Thomas Klie: „Transnationale Pflegekräfte sind nicht die Lösung für das Problem, aber ein Teil der Lösung.“ 

Dazu muss jedoch eine ganze Reihe von damit verbundenen Problemen gelöst werden. Unter anderem die Anerkennung beruflicher Qualifikationen, die aufenthaltsrechtliche Situation und die Frage des Familiennachzugs. Geduldete haben keine Perspektiven. Eine Änderung des Asylrechts berge Chancen. Kulturelle Differenzen, andere Berufsvorstellungen und Sprachprobleme seien weitere Handlungsfelder. Der „Brain-Drain“ – der Verlust von Akademikern und Fachkräften in den Herkunftsländern durch die Abwanderung – dürfe allerdings nicht außer Acht gelassen werden. Damit liegt Klie auf einer Linie mit KWA Vorstand Stefan Arend. Dieser sagt: "Wir brauchen dringend Mitarbeiter aus dem Ausland. Wir können aber nicht unsere Probleme auf dem Rücken anderer Länder lösen."

Auch Grit Braeseke liegt ein sensible Anwerbung am Herzen. Der „Global Code of Practice on the International Recruitment of Health Personnel“ der WHO soll die negativen Effekte der Migration verringern. Er besagt, dass die internationale Anwerbung von Fachkräften im Einklang stehen muss mit einer nachhaltigen Förderung der Gesundheitssysteme in Entwicklungsländern. 

Braeseke beschäftigt sich seit Jahren mit Gesundheitssystemen und sozialpolitischen Herausforderungen. Sie sagt: „Wenn man Menschen aus Entwicklungs- oder Schwellenländern für die Arbeit in der Pflege zu uns holt, muss man etwas zurückgeben, sich zumindest engagieren.“ Beispielsweise dafür, dass im Herkunftsland verstärkt ausgebildet wird. – Auch der Kerngedanke des Programms der Bundesagentur für Arbeit „Triple Win" sei, dass Fachkräfte irgendwann in ihr Herkunftsland zurückgehen und dieses mit dem gewonnen Know-how weiterentwickeln. Länder mit Pflegekräftebedarf sollen jedoch vor allem selbst ausbilden.

Die Wissenschaftlerin erklärte, welche Länder Potenziale an Pflegekräften bieten, sich somit für eine Partnerschaft mit Deutschland eignen. Die Philippinen, die Türkei und Vietnam gehören dazu. China hingegen wird die Pflegekräfte selbst brauchen. An zwei Beispielen beschrieb sie, wie andere Länder mit dem Mangel an Pflegekräften umgehen: In den USA wird über temporäre Arbeitsmigration diskutiert. Als Problemfelder sind dort unter anderem identifiziert: das schlechte Image, die geringe Bezahlung, inadäquate Ausbildung und eine mangelnde öffentliche Refinanzierung. Allerdings entfallen in den USA nur 20-30 % der Leistungen in der Langzeitpflege auf qualifiziertes Personal – „Licensed Care Workers“. 70-80 % der Leistungen werden von Betreuungskräften erbracht – „Direct Care Workers“. – Die in Deutschland vorgeschriebene Pflegefachkraftquote von 50 % löst in anderen Ländern Staunen aus.

In Japan führen die niedrige Geburtenrate und der hohe Anteil älterer Menschen bereits zu großen Defiziten: Für Pflegeplätze gibt es Wartelisten, auf 2,1 Stellen kommt 1 Bewerber. Im Jahr 2020 werden dort 370.000 Pflegekräfte fehlen. Das negative Image und die niedrige Bezahlung sind auch hier als Handicaps ausgemacht, zudem der niedrige Berufsverbleib. Als Lösungsansätze in Japan nannte Braeseke: quartiersbezogene Pflegearrangements, ein besseres Image durch Etablierung der Pflege als Industrie und ein „Economic Partnership Agreement“ mit Indonesien, den Philippinen und Vietnam – was aufgrund der hohen Anforderungen an die ausländischen Pflegekräfte jedoch nur bedingt erfolgreich sei.

In Deutschland kommen Menschen mit ausländischem Pass, die in der Pflege arbeiten, vor allem aus Polen, der Türkei, Kroatien und Bosnien. Ein Pilotprojekt mit Vietnam von 2012 bis 2015 hatte zum Ziel, die Möglichkeiten der Ausbildung junger Pflegekräfte aus Schwellen- oder Entwicklungsländern in Deutschland zu erproben. Das Sprachniveau A2 erwies sich als zu niedrig, die fehlenden Kenntnisse in der Körperpflege stellten eine verkürzte Ausbildung infrage. Dass 95 Prozent am Ende die Prüfung bestanden und in Deutschland geblieben sind, wertete Braesecke als Erfolg. Die hohe Motivation, der Fleiß, die positive Grundeinstellung und der respektvolle Umgang mit den Pflegebedürftigen wurden positiv bewertet. Erkenntnisse, die sich laut Braeseke übertragen lassen: 

Eine längere Eingewöhnungsphase und interkulturelle Trainings sind bei ausländischen Mitarbeitern unumgänglich, zudem private und berufliche Integration sowie sprachliche Begleitung. 


Weiterlesen auf Seite 2
 


« zurück
nach oben

© KWA

nach oben