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Talk in der Rosenau: Monique Würtz im Gespräch mit Dr. Andreas Osner (Seite 2)

Der erste Konstanzer Beigeordnete und Chef des Dezernates II für Soziales, Bildung, Kultur und Sport über den Umgang mit Flüchtlingen vor Ort

Talkgast Osner versteht die Sorgen der Konstanzer. Doch er gibt zu bedenken: „Aber das Allermeiste müssen die Flüchtlinge selbst aushalten!“ Er nennt das Beispiel von 180 jungen Männern verschiedener Herkunft und Sprache, die zum Teil nicht einmal miteinander reden können, die in einer Konstanzer Sporthalle „notgedrungen zusammengepfercht sind, auf Feldbetten schlafen, ohne jede Privatsphäre, einem entsetzlichen Geräuschpegel ausgesetzt sind, auch kein Deutsch verstehen." Sie sind teilweise traumatisiert, leiden unter Heimweh und Zukunftsängsten.

Und hier, so Osner, beginne das „segensreiche Wirken der vielen hochmotivierten, freiwilligen Helfer in und um Konstanz". Er zeigt sich begeistert, wie schnell sich diese Helfer selbst organisiert haben, Mängel aufspürten, Sach- und Geldspenden organisierten, Flüchtlingsfamilien als Paten und Betreuer unter ihre Fittiche nehmen, Kinder unterrichten oder Schulaufgaben betreuen, Arztbesuche organisieren. Wie sie sich via Facebook und über andere Netzwerke vernetzen und verständigen, flexibel und locker, mit Wohlfahrtsverbänden, Behörden, Vereinen und Verbänden kooperieren, Nischen aufdecken, wo immer Hilfe erforderlich ist. Das alles sei so nicht vorhersehbar gewesen und zeige, was Eigeninitiative, Offenheit und die Bereitschaft, anderen die Hand zu reichen, leisten können. So seien sie inzwischen ein unverzichtbarer Teil der Problemlösungskompetenz dieser Stadt geworden. 

„Da ist dann noch die zweite, die gesellschaftliche Dimension“, erinnert Monique Würtz. Dazu Osner: Im Fokus seines Dezernates liege das soziale Miteinander in der Stadt. Niemand weiß im Augenblick, wann die Tragödie im Nahen Osten zu Ende sein wird. Niemand kann abschätzen, wie viele Menschen noch zu uns nach Konstanz kommen und wie lange sie hier bleiben werden. „Darum müssen wir – vorausschauend – in Zeiträumen zwischen fünf und zehn Jahren denken und planen; und unsere Flüchtlinge in der Zwischenzeit als  Neubürger bei uns willkommen heißen.“ Da sei viel Bereitschaft vorhanden: Sportvereine, die zum Mitmachen ermutigen, Organisationen und Firmenchefs, die fragen, was sie denn noch tun könnten, Bürger, die Sach- und Geldspenden anbieten. Kurzum: eine Atmosphäre in der Stadt, die es wert ist, erhalten zu bleiben.

Osners Credo: Nöte von langjährigen Bürgern dürfen nicht gegen die von Neubürgern ausgespielt werden

Wichtig sei, dass es in Konstanz auch andere Menschen gibt, die unsere Zuwendung brauchen, hier ein Leben lang gelebt und gearbeitet haben und heute Probleme haben, etwa bezahlbaren Wohnraum zu finden. Ihre Nöte dürfen „auf keinen Fall“ gegen die der Neubürger ausgespielt werden. Ihm fällt ein weiteres Beispiel ein: Flächen sind im beengten Konstanz immer knapp gewesen; wenn zu entscheiden ist, ob auf einem noch bebaubaren Filet-Stückchen der Stadt Wohnungen gebaut oder ein neuer Betrieb zum Zuge kommen sollte, weil Menschen Wohnungen und Arbeitsplätze brauchen, entsteht für den, der hier entscheiden muss, „ein echtes Dilemma“. Hier sei Sensibilität im Interesse des sozialen Friedens gefordert.

Andreas Osner ist ein „Reingeschmeckter“ aus dem Ruhrgebiet und bringt aus seinen früheren Funktionen einige Kenntnisse und Erfahrungen in Sachen Kommunalpolitik mit in sein Konstanzer Amt, in dem er auch des Öfteren für den Oberbürgermeister in „die Bütt“ muss. Mit dem Blick des Rheinländers – so beantwortet er eine Frage Moniques - gefalle ihm neben der Lebensfreude der Süddeutschen ihre Begabung, auf Knappheit mit Kreativität zu reagieren. Nicht umsonst sei Baden-Württemberg für seine Tüftler und Cleverle berühmt, wo man „alles außer Hochdeutsch“ könne. Das mache Mut auch in der Flüchtlings-Problematik.

Monique Würtz: „Dankeschön, dass Sie heute zu uns gekommen sind, ich würde gerne noch ein Zitat von Professor Michael Borgolte, Historiker in Berlin, zum Schluss hinzufügen: Er sieht die Zuwanderung bei uns nicht als Gefahr, sondern als Chance einer kulturellen Innovation unserer Gesellschaft. Und er schreibt: Was sich gegenwärtig bei uns abspielt, ist Teil einer unaufhörlichen Migrationsgeschichte, die die Kulturen der Menschheit wahrscheinlich mehr als alles andere von jeher geprägt hat; und so rät er zu etwas weniger Angst und mehr Rationalität, Gelassenheit und Geschichtsbewusstsein."                                                                            

Giselher Sommer

 

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