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Von starken Frauen, gekrönten Häuptern und Silberdisteln (Seite 2)

Bewohner des KWA Parkstifts Rosenau zu Besuch auf Schloss Arenenberg

Der Traum der Königin: Der Sohn auf dem französischen Kaiserthron 

Im unteren See-Salon sind die meisten Fenster in Richtung Westen, nach Frankreich hin, ausgerichtet, in das die Hausherrin – so der Historiker – nie mehr zurückkehren sollte. Der Blick aus den Salon-Fenstern über die dem Haus vorgelagerte Terrasse hinunter zu den beiden Seeufer-Gemeinden Mannenbach und Berlingen lässt an die italienische Riviera denken. Für Hortense war die untergehende Sonne Wegweiser – über die Halbinsel Höri und die Kirchturmspitze des Dörfchens Horn hinweg – in Richtung Paris. Was hier architektonisch angedeutet ist, war „Stein gewordene Vision einer Bonaparte": ihr Traum von der Rückkehr des Sohnes Frankreichs, auf den französischen Kaiserthron!

Aus Prinz Louis Bonaparte, intelligent, sprachlich und technisch sehr begabt und durch die Freundschaft mit den bürgerlichen Kameraden am See geprägt, wird auf dem Arenenberg  ein – für seine Zeit – ungewöhnlich sozial denkender junger Aristokrat. Die Schweizer Militärakademie in Thun verlässt er im Range eines Artillerie-Hauptmanns. 

Der Traum wird wahr: Prinz Louis Bonaparte putscht sich auf Kaiserthron, als Napoléon III.

Völlig unerwartet für seine Umgebung schlägt  der „Bub vom See" plötzlich zu: Mit dem Traum der Mutter im Hinterkopf trickst er raffiniert den „Spitzelhaufen" argwöhnischer europäischer Herrscherhäuser aus, der rund um den Arenenberg sein Unwesen treibt und putscht sich – tollkühn – als Napoléon III. bis auf den Thron in Paris hoch! Der Mutter bleibt die Rückkehr nach Paris versagt. Seinem Vater schreibt er 1837, die Mutter sei einem Krebsleiden erliegend in seinen Armen auf dem Arenenberg verstorben. Dreißig Jahren waren es, in denen die Mutter sich und ihrem Arenenberg einen ersten Platz in der „High Society" um den See erobert hatte. Sie hatte keine Macht, aber sie genoss hohes Ansehen und sie hatte Einfluss. Lokale und europäische Prominenz ging ein und aus auf ihrem Schloss. 

Frankreich: das Vaterland – der Bodensee: die Heimat

An die Bibliothek mit den historischen Büchern schließt sich der Speisesaal an, der große runde Tisch ist – im Stil der Zeit – mit altem Porzellan gedeckt. Genau der richtige Platz für eine Anekdote: An der kaiserlichen Tafel in Paris sei natürlich standesgemäß gespeist und getrunken worden, bisweilen habe es Louis Napoléon sich nicht verkneifen können, seine Eugénie, eine spanische Prinzessin,  so richtig zu erschrecken, wenn ihn bei Tisch „mal wieder der Heißhunger auf schlichten Wein und Leberworscht vom See" packte. Oder war es Heimweh? Einer engen Vertrauten in Konstanz schrieb er: „Frankreich ist mein Vaterland, aber der See ist meine Heimat!" Überliefert ist auch, dass er die Sprache seiner Heimat, den alemannischen Dialekt, nie verloren hat.

Trockene Silberdisteln sind überall dezent auf Möbeln und Textilien verteilt. „Dekorativ, aber trockene Disteln pieksen und schützen so diskret wertvolle Originale des Museums - eine englische Idee!", verrät Gügel. 

Eine Wendeltreppe führt über wenige Stufen zum „gelben" Schlafzimmer der Königin, wo auch ihr Sterbebett steht, daneben ihr Arbeitszimmer mit wenigen handverlesenen Möbeln im Stil des Rokoko und Empire. Dann die privaten, sehr repräsentativen Räume des Kaiserpaares: von Napoléon III. und Kaiserin Eugénie und ihrem Sohn Loulou. Eugénie nutzt Schloss Arenenberg einige Jahre als Sommerresidenz, ab 1879 zieht sie sich – nach dem Tod von Mann und Sohn Loulou – jedoch nach England zurück. 

Eugénie: eine Kaiserin ohne Thron, doch allseits geachtet

Eugénie wurde 94 Jahre alt. Golo Mann setzt ihr in seinem Spiegel-Essay ein Denkmal, indem er sie als kluge und weitsichtige politische Frau beschreibt, der sogar der Kriegsgegner von Sédan, Preußen-König Wilhelm I., seine Wertschätzung übermitteln lässt. Auch den ersten Weltkrieg erlebte die greise Monarchin noch; den Verlust der Macht – so Golo Mann – habe sie nie beklagt. Das Ende des ersten Weltkrieges habe sie als den Beginn einer Zeitenwende wahrgenommen, mit dem auch „das Ende der europäischen Monarchien" absehbar geworden sei. 1906 schenkte Eugénie das Schloss mit dem Park dem Kanton Thurgau, mit der Maßgabe, es als Museum weiterzuführen.

Giselher Sommer      


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