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„Technik kann Pflege entlasten, nicht ersetzen“

Lebensdienliche Sicherheit durch Hightech!? – KWA Symposium 2015 mit KWA Vorstand Dr. Stefan Arend, Ministerialdirigentin Ruth Nowak, Prof. Dr. Thomas Klie, Dr. Markus Leser, Prof. Dr. Hartmut Remmers, Dr. Sibylle Meyer, Prof. Dr. Tim Lüth, Ingeborg Staudenmeyer, Harold Engel und Michael Pfitzer

Unterhaching, 11. Februar 2015. – Schon heute kann Technik vor Sturzgefährdung und einem drohenden Infarkt warnen oder Alarm schlagen, wenn wir – gegen alle Gewohnheiten – die Kaffeemaschine nicht in Betrieb nehmen: als deutliches Zeichen von eingeschränkter Alltagsaktivität. Und nicht nur künstliche Kuschel-Robben aus Japan, sondern auch die ersten humanoiden Roboter sind probeweise für die Begleitung und Pflege von Menschen im Einsatz. „Aber wie viel und vor allem welche Technik wollen wir einsetzen? Was wird zwangsläufig mit Blick auf schwindende Ressourcen notwendig werden? Auf was wollen wir verzichten? Auf was müssen wir unbedingt verzichten?“ – Diese Fragen stellte KWA Vorstand Dr. Stefan Arend zur Eröffnung des 13. KWA Symposiums im KWA Stift am Parksee in Unterhaching.

Stefan Arend: Wir müssen uns vor Datenmissbrauch schützen

Arends Credo: „Wir werden Technik brauchen, die dem Pflegebedürftigen dient, die den Pflegenden entlastet, und ihnen so Zeit für die erfahrbare Beziehung ermöglicht. Wir werden Technik also brauchen, damit Pflege auch künftig human bleiben kann. Wir werden aber auch einen intensiven gesellschaftlichen Dialog darüber führen müssen, welche Daten wer erhält und wie wir unsere Daten – und damit uns selbst – vor Missbrauch schützen.“ 

Ministerialdirigentin Ruth Nowak, Amtschefin im Bayerischen Staatsministerium für Gesundheit und Pflege, bekräftigte die Bedeutung der menschlichen Zuwendung in der Pflege. Wie uns Technik helfen kann, werde in Deutschland noch viel zu wenig beleuchtet. Die Touristikbranche hat sich nun beispielsweise damit befasst, was sich ältere Reisende wünschen. Durch einen Leuchtstreifen, der über Drucksensoren anspringt, wenn man aus dem Bett steigt, kann man dem Betreffenden den Weg zur Toilette zeigen. – Eine Erfindung für ein Kreuzfahrtschiff. Was in anderen Branchen entwickelt werde, sei vielleicht auch in der Altenpflege nutzbar. Wie schwer sich Deutschland mit Technik im Bereich Gesundheit und Pflege tut, führte Nowak an einem Beispiel aus: „Ich sehe es mit Schmerzen, dass wir neun Jahre brauchten, die E-card umzusetzen. Es musste erst einmal ein E-Health-Gesetz entworfen werden, damit es jetzt weitergeht.“

Thomas Klie: Technik ist auch eine Antwort auf den sozialdemografischen Wandel

Justiziar und Gerontologe Professor Dr. Thomas Klie sieht beim Einsatz von Technik zwei Gegenspieler: Die Risikoreduzierung steht auf der einen Seite, auf der anderen Seite ein Leben in Intimität. Intimität sei bedeutsam. Thomas Klie sagt: „Wer keine Geheimnisse hat, hat Probleme mit seiner Identität.“ Dabei geht es auch um Würde. Und: „Wir sind Menschen, die in Beziehung zueinander stehen. Wir leben in Sorgebeziehungen. Technik stößt an Grenzen, wenn sie Soziales nicht berücksichtigt.“ Laut Klie darf Technik nie Selbstzweck sein, darf Teilhabe nicht ersetzen, sollte sie sichern, sollte allen zugutekommen. Doch kann Technik wirklich lebensdienlich sein? Dazu sagt Klie: „Im Prinzip ja. Ja zur Innovation. Technik ist auch eine Antwort auf den sozialdemografischen Wandel. Sie kann einen Beitrag zur nachhaltigen Sicherung von Wohlfahrt leisten, eröffnet auch die neue Verortung in einer Welt, die größer geworden ist.“

Laut Dr. Markus Leser, Leiter des Fachbereichs „Menschen im Alter“ bei CURAVIVA Schweiz, sprechen wir heute nicht mehr von Mensch oder Technologie, sondern von einer Verschmelzung von Mensch und Technologie. Der englische Zukunftsforscher Ian Pearson gehe noch einen Schritt weiter, habe in einem Interview gesagt: „Irgendwann einmal werden 90 oder 99 Prozent unseres Denkens nicht mehr in unserem Kopf stattfinden, sondern in einer Cloud. Wenn der Körper dann, etwa bei einem Flugzeugunglück, stirbt, geht das Leben weiter. Man kauft sich dann einen humanoiden Roboter und nutzt diesen fortan als seinen Körper.“ – Schöne neue Welt?

Markus Leser: Widerstand gegen Technik in der Pflege besteht, wo es um menschlichen Kontakt und Zuwendung geht

CURAVIVA Schweiz hat durch die Zürcher Hochschule für Angewandte Wissenschaften abklären lassen, welche Faktoren bei Pflegenden zur Akzeptanz von neuen Technologien eine Rolle spielen. Dabei hat sich gezeigt, dass sie abhängt von Faktoren wie Vorerfahrung, Sinnhaftigkeit, Freiwilligkeit, Know-how, Ergebnisqualität, Mehraufwand, Nutzen und Alter. Eine Harvard-Studie habe ergeben, dass Widerstand gegen Technikeinsatz überall da besteht, wo es um menschlichen Kontakt und Zuwendung geht: vor allem bei Nahrungsverabreichung, bei Demenzbetreuung und bei Grundpflege. Akzeptanz sei da, wenn es um Dokumentation oder schwere körperliche Arbeit geht, als Entlastungsfunktion. Lesers Fazit: „Technik kann Pflege entlasten, nicht ersetzen.“

Ethische Aspekte beim Einsatz von technischen Assistenzsystemen für ältere Menschen beleuchtete Professor Dr. Hartmut Remmers, Leiter des Fachgebiets Pflegewissenschaft an der Universität Osnabrück. Inwieweit vertragen sich fortlaufende Observationen und technische Kontrollen mit unseren Vorstellungen von menschlicher Würde und persönlicher Autonomie? Remmers sagt: „Am wenigsten problematisch erscheint mir der Aspekt möglicher Rationalisierung, wenn Zeitersparnisse zugunsten größerer Zeitreserven des Pflegepersonals für besonders versorgungsbedürftige Menschen genutzt werden können. Problematisch wird es dann, wenn persönliche Beziehungen in elementaren Bereichen technisch ersetzt werden sollen.“

Hartmut Remmers: Autonomieansprüche stehen auf der einen Seite, Fürsorgeansprüche auf der anderen

Er empfiehlt einzelfallorientierte Lösungen, behutsame Abwägungen. Dem Recht auf freie Entfaltung der Persönlichkeit müsse unbedingt Geltung verschafft werden, das schließe den Schutz der Privatsphäre, auch ein Abwehrrecht ein. Ein ebenso wichtiges Schutzinteresse bestehe jedoch für Leib und Leben. – Hier zeigen sich klassische Konflikte: Autonomieansprüche auf der einen Seite, Fürsorgeansprüche auf der anderen Seite. Remmers empfiehlt, verschiedene Perspektiven bei der Beurteilung einzunehmen.

Dr. Sibylle Meyer, Leiterin des SIBIS Instituts für Sozialforschung und Projektberatung in Berlin. wies darauf hin, dass technische Assistenzsysteme ein Riesengeschäft sind. Bei der Robotic Forschung gehe es um noch größere Summen. Doch was wird im Alltag überhaupt realisiert? Meyer nannte die Kontrolle von elektrischen Geräten, automatisches Abschalten von Herd, die Kontrolle von Fenstern, Rollläden, Türen, als Einbruchsschutz oder zur Energieeffizienz, sowie die Kontrolle des Sanitärbereichs – sturzmeldende Fußböden beispielsweise oder die intelligente Toilette, die gerade stark im Kommen sei. Die Steuerung von Assistenzsystemen erfolgt derzeit vor allem mit Tablets.

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