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„Technik kann Pflege entlasten, nicht ersetzen“, Seite 2

Lebensdienliche Sicherheit durch Hightech!? – KWA Symposium 2015 mit KWA Vorstand Dr. Stefan Arend, Ministerialdirigentin Ruth Nowak, Prof. Dr. Thomas Klie, Dr. Markus Leser, Prof. Dr. Hartmut Remmers, Dr. Sibylle Meyer, Prof. Dr. Tim Lüth, Ingeborg Staudenmeyer, Harold Engel und Michael Pfitzer

Sehr interessant aus Meyers Sicht ist Audio-Video-Kommunikation von Bewohnern mit Angehörigen oder Dienstleistern, zur sozialen Teilhabe, aber auch zur ambulanten Versorgung. Bereits auf dem Markt sind Staubsauger-, Wisch- und Rasenmäher-Roboter. Da gibt es eine hohe Akzeptanz und hohen Nutzen, vieles sichert Autonomität, sei ethisch unbedenklich. „Bei Kommunikation und Anregung von so kleinen Gesellen, die eine Gestalt haben, wird es schon schwieriger“, so Meyer. Die Referentin zeigte ein Bild von einem kleinen weißen Roboter mit aufgemaltem Gesicht, der vorturnt. Bei dieser niedlichen Figur falle es schon schwer, Distanz zu wahren.

Sibylle Meyer: Technik allein reicht bei AAL nicht aus –  Zusätzlich gewünscht sind Betreuung und Dienstleistung

Doch zurück zu AAL: Es gebe viele Projekte in Deutschland, aber wenig empirisch fundierte Wirkungsforschung. SIBIS hat sich deshalb 90 Wohnungen mit Ambient Assisted Living angeschaut, Bewohner sowie Beteiligte der Wohnungsbaugesellschaften befragt. Die Erkenntnis: „Der größte Vorteil für die Menschen ist nicht die Technik.“ Es gehe um Barriere-Armut und um gute Infrastrukturanbindung. Dabei möchten die Bewohner die Möglichkeit haben, Technik abzuschalten. Und: „Was zusätzlich gewünscht wird, ist Betreuung und Dienstleistung. Technik alleine reicht nicht aus.“

Als „Vision 2030“ stellte die Referentin ein Modell vor, wonach die Wohnung ihre Mieter behütet – eine Umdeutung der Sorgekultur. Im Zentrum sollen Gesundheit und Wohlbefinden stehen, sowie Prävention, Therapie und Reha. Wir sind rundum von intelligenter Technologie umgeben und von robotischen Assistenten – so die Vision.

Professor Dr. Tim Lüth, Leiter des Lehrstuhls „Mikrotechnik und Medizingerätetechnik“ (MiMed) an der Technischen Universität München, bewertete die „Vision 2030“ skeptisch: „Die Technologie, die erwartet wird, ist nicht vorhanden.“ Ein Problem in der Robotic sei, dass wir immer mehr Video-Clips und Bilder sehen, in denen Dinge präsentiert werden, die angeblich funktionieren. Die funktionieren laut Lüth aber gar nicht. Und: „Wenn gezeigt wird, dass DHL Pakete mit Quadrocoptern austrägt, ist das absurd. Leider rechnet niemand aus, was es kostet, ein Paket hundert Meter hochzufliegen und wieder runterzubringen. Relationen werden nicht mehr wahrgenommen.“ Dadurch entstehen verzerrte Wahrnehmungen. Das präge inzwischen die Gesellschaft.

Tim Lüth: Das, was wir bauen, soll die Gesellschaft verändern und Menschen Nutzen bringen

Förderprogramme seien nicht immer die optimale Lösung, um Entwicklungen voranzubringen. Wichtig bei Forschungs- und Entwicklungsprojekten sei eine enge Zusammenarbeit mit Praktikern. Bei der Kooperation mit KWA unter dem Titel „Embedded Research“ arbeiten Wissenschaftler direkt im KWA Luise-Kiesselbach-Haus. Derzeit konzentriere man sich auf zwei Themen. Zum einen auf mechanische Assistenzsysteme – Heben und Exoskelette. Zum anderen auf Trinkmengenanalyse mit Hilfe besonderer Trinkbecher. Das sei deutlich komplizierter, als man vermutet. Die Zuverlässigkeit der Sensoren, die Spülmaschinentauglichkeit und das automatische Wiederaufladen seien wichtige Faktoren hinsichtlich der Alltagstauglichkeit. „Dabei geht es darum, etwas zu bauen, das 24 Stunden am Tag zuverlässig funktioniert“, so Lüth. Der Wissenschaftler und sein Team folgen dabei einer übergeordneten Maxime: „Bei Surgical Robotic ist für uns immer das Ziel, dass das, was wir bauen, die Gesellschaft verändert und Menschen Nutzen bringt.“

Ingeborg Stauenmeyer: Bei Erfindungen müsste man mehr Senioren einbinden

Zum Abschluss des 15. KWA Symposiums diskutierte Thomas Klie mit Ingeborg Staudenmeyer vom Seniorenbeirat München, AOK Ressortdirektor Harold Engel und KWA Hausleiter Michael Pfitzer über Technik in der Pflege. Welche Technik benutzt die Vorsitzende des Seniorenbeirats der Stadt München Ingeborg Staudenmeyer? – Sie sagt: Handy und Computer. Das reiche ihr vollkommen. Mit technischen Dingen beschäftige sie sich nicht gerne, das mochte sie noch nie. 

Bei ihrer Arbeit im Seniorenbeirat kümmere sie sich beispielsweise darum, dass barrierefreie Wohnungen geschaffen werden. Allerdings hat sie nun einen neuen Plan: „Ich nehme mir vor, dass ich im Seniorenbeirat auch auf technische Neuheiten eingehe. Testen könnte man den Saugroboter schon mal.“ Sie schließt jedoch mit einer Kritik: „Menschen, die etwas für Senioren erfinden, sind meist jung. Man müsste Senioren mehr einbinden. Daran hapert es.“

Harold Engel: Heutige Strukturen reichen für künftige Anwendungen nicht aus

Die Frage des Moderators Klie an AOK Ressortdirektor Harold Engel, in welcher Weise Ambient Assisted Living (AAL) bei der AOK ein Thema sei, beantwortet dieser ausführlich: „Lösungen werden nicht bayerisch sein, sondern national oder europäisch. Es gibt Anwendungen, die unter den Bereich Medizinprodukte fallen. Heutige Strukturen reichen für künftige Anwendungen nicht aus. Bei AAL prüfen wir gerade elf oder zwölf Produkte, ob sie Anerkennung als Hilfsmittel finden könnten. Da reden wir aber nicht über kleine Münze. Da reden wir über Milliarden. Dazu werden wir auch eine politische Entscheidung brauchen.“

Michael Pfitzer: Pflegemitarbeiter werden Technik annehmen, wenn sie damit bei ihrer Arbeit unterstützt werden

Den KWA Hausleiter Michael Pfitzer fragte Klie nach seinen Erfahrungen zum Forschungsprojekt im Pflegestift. Dazu Pfitzer: „Bei den ersten Gesprächen gab es Vorbehalte von Mitarbeitern. Ein wesentliches Element für die Akzeptanz ist, dass Wissenschaftler ins Haus kommen und bei der Pflege mitgehen, um die Arbeit kennenzulernen. – Für uns ist es sehr wichtig zu wissen, wie viel Bewohner trinken. Die Dokumentation ist aufwändig. Deshalb suchen wir nach einer technischen Lösung.“ Wenn Pflegemitarbeiter wissen, dass sie damit in ihrer Arbeit unterstützt werden, werden sie es annehmen, denkt Pfitzer.

KWA Vorstand Horst Schmieder ließ die Ausführungen des Tages noch einmal Revue passieren. Sein Fazit: „Wenn Technik nur der Effizienzsteigerung dient, wird es kritisch. Aber wir haben gesehen, dass viele technische Entwicklungen wünschenswert sind, beispielsweise wenn es um Kontroll- und Routinetätigkeiten geht.“ Die Ambivalenz mit dem Wunsch nach Sicherheit einerseits und dem Wunsch nach persönlicher Freiheit andererseits, betreffe jeden, werde kulturell allerdings sehr unterschiedlich wahrgenommen.

Horst Schmieder: Die Gesellschaft lebt von Innovationen

Was Technik alles kann, ist für den Vorstand sehr beeindruckend. „Was ich nicht will, ist allerdings,  mein Denken irgendwann auszulagern. Das ist sehr gefährlich, man kennt ja auch die Interessen der Industrie.“ Privatsphäre und Datenschutz seien wichtige Themen, auch W-LAN. Da gebe es allerdings in einigen Kommunen noch Defizite in der Infrastruktur, da seien noch Anstrengungen nötig. Bei allen neuen Techniken hält Schmieder es für wichtig, die Mitarbeiter mitzunehmen. Dabei gelte es, die richtigen Ressourcen bereitzustellen. Denn: „Die Gesellschaft lebt von Innovationen.“

Ausführliche Berichte zu den Ausführungen aller Referenten finden Sie auf www.alternovum.de in der Rubrik Online+.


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