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Ein Treppenwitz der Sozialpolitik: Vier Bundesminister loben die deutsche Altenpflegeausbildung in hohen Tönen und wollen sie gleichzeitig abschaffen

Stellungnahme von Dr. Stefan Arend, Vorstand von KWA Kuratorium Wohnen im Alter, München, zur Veröffentlichung des Zwischenberichts zur "Ausbildungs- und Qualifizierungsoffensive Altenpflege" des Bundesministeriums für Familie, Senioren, Frauen und Jugend (BMFSFJ) vom 8.1.2015

München, 8. Januar 2015. So viel Einigkeit in Sachen Altenpflegeausbildung wie am 8. Januar 2015 war nie: Bundesfamilienministerin Manuela Schwesig zieht eine positive Bilanz, Bundesarbeitsministerin Andrea Nahles will weiter helfen, Bundesgesundheits-minister Hermann Gröhe freut sich, und die Bundesministerin für Bildung und Forschung, Johanna Wanka, begrüßt die Entwicklung. Was in aller Welt ist geschehen?

Das Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend hat den Zwischenbericht zur "Ausbildungs- und Qualifizierungsoffensive Altenpflege" vorgelegt. Demnach stellen die stationären und ambulanten Altenpflegeeinrichtungen mehr Ausbildungsplätze und die Länder mehr Schulplätze zur Verfügung. Die im Rahmen der Offensive vereinbarte Steigerung der Ausbildungsrate um 10 Prozent wurde mit  14,2 Prozent deutlich übertroffen. Mit bundesweit 26.740 Eintritten in eine Altenpflegeausbildung wurde ein neuer Spitzenwert erreicht.

Diese Informationen lassen die Bundesminister jubeln. Bundesgesundheitsminister Hermann Gröhe wird zitiert: „Noch nie hatten wir so viele Auszubildende in Pflegeberufen. Das ist ein gutes Zeichen. Und das muss für alle Beteiligten Ansporn sein, alles dafür zu tun, dass sich dieser Trend fortsetzt."

Da verwundert es schon, dass die Bundesregierung dabei ist, die bewährte, auf die Langzeitpflege spezialisierte Altenpflegeausbildung zu Gunsten einer generalistischen, einheitlichen Pflegeausbildung zu opfern, die alle traditionellen Pflegeberufe vereinen soll. Obwohl wir in einer Gesellschaft des langen Lebens dringend Spezialisten brauchen, die alte Menschen begleiten und pflegen können. Ein Treppenwitz der Sozialpolitik? Offensichtlich nicht!

Auch die Länder haben sich durch Beschlüsse der Gesundheitsministerkonferenz und der Arbeits- und Sozialministerkonferenz für eine Reform der Pflegeausbildung ausgesprochen. Unter gemeinsamer Federführung des Bundesministeriums für Familie, Senioren, Frauen und Jugend und des Bundesministeriums für Gesundheit ist in einer Bund-Länder-Arbeitsgruppe "Weiterentwicklung der Pflegeberufe" bereits zum 2.3.2012 ein Eckpunktepapier zu wesentlichen Aspekten eines neuen Pflegeberufegesetz entwickelt worden, das das Altenpflege- und das Krankenpflegegesetz ablösen soll.

Als Motivation für die Planung einer Reform der Pflegeausbildung in Deutschland findet sich in den offiziellen Verlautbarungen unter anderem die Aussage, dass  „die Differenzierung der Pflegeberufe nach Altersgruppen […] nicht mehr dem Stand der Erkenntnisse der Pflegewissenschaft [entspricht].“ Kritiker weisen darauf hin, dass sich die im Eckpunktepapier formulierten Aussagen nicht wissenschaftlich belegen lassen. Es sind einfach nur Vermutungen. Ein Phänomen, das sich gerade in der Bildungspolitik immer wieder feststellen lässt. Wunschvorstellungen, politische Zielstellungen sowie Ideologien und Mythen werden zu Realitäten erklärt. Offensichtlich ist nach den immerwährenden Reformversuchen des allgemeinbildenden Schulsystems (allein das Schlagwort G 8 mag genügen) nunmehr auch die Altenpflegeausbildung in diese Mühle geraten.

Die Bedenken mit Blick auf eine generalistische Pflegeausbildung ergeben sich aus der Natur der Sache: Die Anforderungen, die Aufgabenstellungen und die Zielsetzungen der Alten-, Kinder- und Krankenpflege könnten nicht unterschiedlicher sein, reichen von der Intensivpflege von Frühchen in den Kinderkliniken über die Akutversorgung in den Krankenhäusern bis hin zur Begleitung von Menschen mit Demenz oder in finalen Lebenssituationen am Ende des Lebens. 

War die in den vergangenen Jahrzehnten aus diesen unterschiedlichen Tätigkeiten, Aufgaben und Zielen heraus entwickelte spezialisierte, dreigliedrige deutsche Pflegeausbildung eine Sackgasse? Mit Blick auf die aktuellen Herausforderungen und die der Zukunft – mitnichten!

Die heutigen Verlautbarungen aus Berlin und die Nachrichten über die positiven Entwicklungen der Altenpflegeausbildung sind ein Appell an alle Verantwortlichen in der Altenpflege, sich für die Ausbildung in der Altenpflege stark zu machen. Es ist eine Absage, die Altenpflegeausbildung einer Reform preiszugeben, von der man nicht weiß, welche Folgen sie haben wird. Vor allem nicht, wenn die Gefahr besteht, dass spezifisches Wissen verlorengeht – obwohl dieses Wissen gerade jetzt so nötig ist. Denn in einer Gesellschaft des langen Lebens brauchen wir heute, vor allem jedoch morgen und übermorgen statt einer Generalisierung mehr Professionalisierung und Spezialisierung für die Begleitung und Pflege von immer mehr älter werdenden Menschen. Versuche ins Blaue hinein können und dürfen wir uns nicht leisten.


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