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„Bürgerschaftliches Engagement darf keine Einbahnstraße sein“

Auf dem 9. KWA Symposium wurden Perspektiven aufgezeigt, wie Ehrenamt und bürgerschaftliches Engagement gefördert werden können.

München, 30.09.2010. In Deutschland engagieren sich nach Angaben des Bundesfamilienministeriums rund 23 Millionen Menschen ehrenamtlich. Eine bemerkenswerte Zahl. Auffällig ist allerdings, dass sich derzeit wesentlich mehr Jüngere als Ältere freiwillig engagieren. Doch gerade älteren Bürgern könnte sich dabei eine Vielfalt von Rollenangeboten und Optionen einer mitverantwortlichen Lebensführung eröffnen. Bund und Länder versuchen daher, ältere Menschen durch neue Anspracheformen und Modellprogramme zur Mitgestaltung unserer Gesellschaft aufzufordern. Welche Bedeutung bürgerschaftliches Engagement künftig für Senioreneinrichtungen haben wird, wie diese, besonders auch ältere, ehrenamtliche Mitarbeiter gewinnen können, welche Aufgaben die Kommunen übernehmen sollten und wie alle Beteiligten von bürgerschaftlichem Engagement profitieren können – dies waren die zentralen Fragen, die am 29. September auf dem 9. KWA Symposium diskutiert wurden. Thema der Veranstaltung, die im Anschluss an die Woche des bürgerschaftlichen Engagements im KWA Georg-Brauchle-Haus in München stattfand: „Teilhabe und Verbundenheit – die Bedeutung von Ehrenamt und bürgerschaftlichem Engagement“. Namhafte Referenten diskutierten mit Vertretern aus Politik, mit Seniorenvertretungen sowie freiwillig Engagierten die Voraussetzungen für ein für alle Beteiligten gewinnbringendes Engagement. 

„Das Ehrenamt hat in unseren Einrichtungen Tradition, schließlich ist KWA Kuratorium Wohnen im Alter (KWA) aus dem 1966 von Münchner Bürgern gegründeten Verein „Altenwohnstift München e. V.“ hervorgegangen“, sagte Gisela Rellecke, Stiftsdirektorin des KWA Georg-Brauchle-Haus bei ihrer Begrüßung. „Das Ehrenamt ist heute nichts Exotisches mehr und sehr facettenreich geworden“, betonte KWA Vorstand Dr. Stefan Arend. „Das macht deutlich, dass sich nicht alles nur nach den Marktprinzipien richtet. Wir bei KWA möchten das Ehrenamt und das bürgerschaftliche Engagement noch mehr fördern und in unsere Einrichtungen implementieren. Doch dafür brauchen wir ein Rahmenkonzept“, so Arend weiter. „Dabei machen wir uns auch darüber Gedanken, was aus unseren Einrichtungen heraus für die Gesellschaft geleistet werden kann und was wir den ehrenamtlich Tätigen zurückgeben können. Denn bürgerschaftliches Engagement darf keine Einbahnstraße sein“, erklärte der KWA Vorstand. „Es wird heute allgemein unterschätzt, wie vielfältig bürgerschaftliches Engagement von Senioreneinrichtungen für die Gemeinschaft sein kann. Eine Senioreneinrichtung kann für eine Kommune ein echter Gewinn sein, wenn sie auf vielfältige Weise mit den Menschen vernetzt ist und eine aktive Rolle auch beim Thema Ehrenamt spielt.“

Für eine differenzierte Betrachtung des bürgerschaftlichen Engagements plädierte Dr. Berthold Becher von der Bank für Sozialwirtschaft. Oft sei zu hören, wir brauchten das Ehrenamt, weil der Staat sonst zusammenbreche, kritisierte Becher. Das Ehrenamt sei schließlich kein Lückenfüller. Oft werde auch von einem zu hohen Potenzial ausgegangen und Engagement eingefordert von denjenigen, die es gar nicht tun möchten oder auch nicht können. Wichtig ist es nach Auffassung Bechers, den Stellenwert sozialer Netze neu zu bestimmen. „Die soziale Vernetzung ist ein wichtiges Element für das Älterwerden und eine wichtige Voraussetzung zur Bewältigung von Krankheit und Krisen.“ Auch den Wohnformen und der dazugehörigen Infrastruktur komme eine hohe Bedeutung im Zusammenhang sozialer Netzwerke zu. „Insofern ist auch die Vorrangstellung der ambulanten Versorgung vor der stationären zu hinterfragen“, erklärte Becher. Das könne nämlich auch zu Isolation und Vereinsamung führen. Für Senioreneinrichtungen sei die Öffnung nach außen wichtig, so wie es bei KWA der Fall sei. Doch das Engagement im Alter sei auch kein Selbstläufer, es müssten die Voraussetzungen dafür geschaffen werden, appellierte Becher.

Dass die Infrastruktur für die Gewinnung von ehrenamtlichen Mitarbeitern wichtig ist, das zeigten auch die Ergebnisse aus vorliegenden Untersuchungen, die Monika Nirschl, Leiterin der Abteilung Qualität, Prozesse, Strukturen bei KWA zusammen mit Prof. Dr. Thomas Klie von der Ev. Hochschule Freiburg erläuterte. So hat die BELA-Studie des Freiburger GeroS-Instituts (BELA = Bürgerschaftliches Engagement im Alter) gezeigt, dass diejenigen, die sich ehrenamtlich engagieren, aus der Nähe kommen: mehr als 15 Minuten Weg ist den meisten zu weit. Dabei ist stetiger und zeitintensiver Einsatz bedeutsamer als gelegentlicher Einsatz. 27 Prozent der Befragten engagieren sich mehr als 100 Stunden pro Monat in den 263 Heimen, die an der Studie teilgenommen haben. Interessant dabei ist außerdem, dass 37 Prozent der Einrichtungen über ein Konzept für bürgerschaftliches Engagement verfügen. In diesem Jahr hat KWA hat zusammen mit dem GeroS-Institut eine Untersuchung gestartet zum Thema: „Teilhabe und Verbundenheit leben: Ehrenamt und bürgerschaftliches Engagement in Wohnstiften. „Mit dieser Befragung möchten wir die Voraussetzungen für die Entwicklung eines Rahmenkonzepts bei KWA schaffen, erklärte Nirschl. „Wir möchten erfahren, wie wir bürgerschaftliches Engagement, besonders auch älterer Menschen, fördern können, wo aber auch Grenzen liegen“, so Nirschl weiter. Die ersten Ergebnisse der Befragung der KWA Hausleitungen, Mitarbeiter und Ehrenamtlichen hätten gezeigt, dass ein vorhandenes Konzept durchaus eine Rolle spiele, denn in diesen Einrichtungen sei die Zahl der ehrenamtlichen Mitarbeiter deutlich höher. 

Wie engagiert Stiftsbewohner sein können, erläuterte Berthold Ott, der seit 2005 im KWA Stift am Parksee in Unterhaching lebt. Er ist stellvertretender Vorsitzender der 2009 gegründeten Unterhachinger Bürgerstiftung „Lebenswertes Unterhaching“. Der 80-Jährige erzählte aus seiner Sicht von der Bedeutung des Engagements für seine älteren Mitmenschen. „Wir haben schon viel erreicht“, so Ott. „Von neuen Hinweisschildern zu unserem Wohnstift bis hin zu Handläufen zur S-Bahnstation, für die ich mich gerade einsetze. Es lohnt sich, sich für die Gemeinschaft einzusetzen, auch in unserem Alter. Ob in Form eines Ehrenamts oder nur nebenbei“, sagte der Senior unter großem Beifall. Über konkrete Erfahrungen mit ehrenamtlichen Mitarbeitern berichteten anschließend die Hausleitungen der KWA Einrichtungen Luise-Kiesselbach-Haus (Michael Pfitzer), Hanns-Seidel-Haus (Ursula Cieslar) und dem Georg-Brauchle-Haus (Gisela Rellecke). Diese Erfahrungsberichte machten deutlich, dass bei KWA bürgerschaftliches Engagement tatsächlich keine Einbahnstraße ist und dass die Anerkennungskultur großgeschrieben wird. So erhielt Katharina Müller, die auch anwesend war, im letzten Jahr für ihre langjährige ehrenamtliche Tätigkeit im KWA Georg-Brauchle-Haus die höchste Auszeichnung der Stadt München für bürgerschaftliches Engagement. 

Was bei fast allen Vorträgen des Symposiums klar wurde: auch die Unternehmen haben eine Verantwortung für die Gesellschaft. Es gibt so etwas wie bürgerschaftliches Engagement von Unternehmen. Der Begriff dafür lautet: „Corporate Citizenship“ (CC). Was CC für Seniorenrichtungen heißt, erläuterte Prof. Dr. Martina Wegner von der Hochschule für angewandte Wissenschaften in München. „In den Medien sind Heime bisher meistens in der Empfängerrolle von Leistungen, ganz gleich ob Sach- oder Geldleistungen. Doch Senioreneinrichtungen sind in einer Doppelrolle“, wie Wegner betonte. „Sie können z. B. ihre Kompetenz bei kommunalen Gremien einbringen und eine Ratgeberfunktion übernehmen, wie es das KWA Luise-Kiesselbach-Haus in Zusammenarbeit mit der Messestadt München-Riem vormacht. Die Einrichtung fungiert hier als Berater zum Thema Demenz. Die Kommunen sind hier durchaus aufgeschlossen“, so Wegner. Für ein erfolgreiches Corporate Citizenship seien folgende Faktoren ausschlaggebend: das Unternehmen sollte seine Kernkompetenzen nutzen und eine dauerhafte Zusammenarbeit mit den Kommunen anstreben. Das bringe auch Vorteile für die Senioreneinrichtungen. „Sie werden anders wahrgenommen, nicht mehr nur als Last für die Kommunen.“ Am Ende stehe die „Corporate Community“, die einen Paradigmenwechsel einläute und den Heimen mehr „Sichtbarkeit“ am Standort verschaffe, sagte Wegner.

Auch die abschließende Podiumsdiskussion mit den Referenten des Symposiums, dem Vorsitzenden der Landesseniorenvertretung Bayern, Walter Voglgsang, Dr. Thomas Röbke, Geschäftsführer des Landesnetzwerkes Bürgerschaftliches Engagement und Bud A. Willim vom Sozialreferat der Stadt München machte deutlich: wichtigste Voraussetzung für ein optimal funktionierendes bürgerschaftliches Engagement ist der Nutzen für alle Beteiligten, ganz ohne Zwang. Bürgerschaftliches Engagement ist eben keine Einbahnstraße!


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